Was tun, wenn Personaler stupsen und twittern

Benjamin, 21 Jahre, hat gerade seine Ausbildung als Mathematisch-technischer Assistent beendet und ist auf Jobsuche. Als MATA ist er bei Unternehmen derart begehrt, dass er nicht lange in Jobbörsen suchen muss. Prompt schreibt ihn eine junge Frau auf Facebook an:

"Hi Benjamin, wie geht's dir? Ich bin Carina von [...] AG.
Du scheinst ja einiges auf dem Kasten zu haben!
Wie würdest du es finden, bei einem international erfolgreichen
Fashion-Unternehmen zu arbeiten, das IT'ler einstellt?
Ein branchenüberdurchschnittliches Gehalt
und tolle Benefits erwarten dich :)
Habe ich dein Interessegeweckt?
Lass uns mal telefonieren: 069 [...]."

So hat sich der 21-Jährige die Jobsuche nicht vorgestellt und weiß nicht, wie er auf diese lockere, aber auch verlockende Ansprache reagieren soll.

Zugegeben, der Trend ist nicht neu: Absolventen und Young Professionals werden in den sozialen Netzwerken identifiziert und für eine Stellenausschreibung begeistert. Social Recruiting mit Direct Sourcing ist das, und die Grundidee ist uralt: Personaler bzw. Headhunter identifzieren für den Eigenbedarf bzw. Kundenauftrag passende Kandidaten, die sie direkt ansprechen. Wurden neue Mitarbeiter einst per mündlicher Empfehlung gefunden, so spielen heute digitale Kandidatenkataloge, Karrierenetzwerke und Social Media (Stichwort: Facebook, Twitter, Google+, Instagram) zunehmend eine wichtige Rolle bei der Kandidatensuche.

Wie verbreitet die Personalwerbung in solchen Netzwerken ist, zeigt die Hochschul-Recruiting-Studie der Jobbörse Jobware in Kooperation mit der Hochschule Koblenz auf: 19 Prozent der Unternehmen nutzen Social Distributions und Social Profiling. Dazu gehört auch die Direktansprache, wie im Fall von Benjamin.

Der MATA-Absolventen weiß nicht weiter und bittet seine Mutter um Rat. "Wer so schreibt, führt bestimmt nichts Gutes im Schilde", glaubt sie. Seine Freunde sehen das ganz anders und raten ihm, einfach mal mit einem ebenso kurzen wie frechen Text zu antworten.

In der Tat ist an dem Werbungsversuch von Carina nichts Verwerfliches. Wer wie Benjamin angesprochen wird, braucht eine Antwort nicht scheuen. So kann ein Gesprächsangebot bei Interesse angenommen werden, obgleich es sich lohnt, zunächst ein wenig zu recherchieren: Hat Carina ein vertrauenswürdiges Profil im Netz, z.B. in Karrierenetzwerken oder auf der eigenen Agenturseite? Wann wurde ihr Profil erstellt? Wie viele Kontakte hat sie? Wurde sie von anderen Bewerbern weiterempfohlen? Gibt es überhaupt eine Website ihrer Agentur?

Nachdem Benjamin nun Grundlegendes über Carina in Erfahrung gebracht hat, sollte er seine eigenen Unterlagen vorbereiten. Könnte er sich in einem kurzen Gespräch in drei Sätzen selbst vorstellen? Wie würde er antworten, wenn man ihn fragt, was ihm in seinem ersten Job wichtig ist? Was sind seine Skills, mit denen er punkten kann? Am besten notiert er Stichpunkte.

Lupenrein: Das digitale Profil auf Vordermann bringen

Bedenken Sie, dass die Jobsuche bereits bei Ihrem digitalen Profil beginnt. Bewerben 4.0 heißt, in Facebook, Twitter LinkedIn und Xing gezielt zu steuern, was der Recruiter sehen soll. Mit den Privatsphäre-Einstellungen können Sie Party- und Urlaubsfotos vor den Augen fremder verstecken. Und mit einem ansprechenden Profilbild und einem ansprechenden Lebenslauf glänzen Sie in den Karrierenetzwerken. Auch die Verwendung berufsbezogener Keywords hilft dabei, gefunden zu werden.

Möglichst zeitnah sollte Benjamin nun eine Antwort formulieren. Grundsätzlich gilt, dass eine höfliche Sie-Ansprache mit Anrede und Gruß verwendet werden sollte. Hat der Personaler bzw. Headhunter bereits ungefragt das "Du" benutzt, können Sie ebenso verfahren, obgleich Smileys und ein "Hi" zur Begrüßung eher unpassend sind.

Sofern Ihr Gesprächpartner noch nicht vorgeschlagen hat, das Gespräch in einen professionelleren Kontext zu führen, können Sie dies machen. Ein Telefonat oder ein Austausch per E-Mail ggf. mit Übersendung der Bewerbungsunterlagen bietet sich an. Twitter, Instagram oder Swapchat dienen allenfalls der Kontaktaufnahme. Wichtig: Achten Sie darauf, wem Sie Ihre persönlichen Daten anvertrauen!

Benjamin hat Glück. Schnell ist ein unverbindlicher Telefontermin vereinbart, in dem er sich kurz vorstellt und dann mehr über die Stelle erfährt. Im nächsten Schritt wird ihm das Stellenprofil zugesandt. Der Service ist natürlich kostenlos. Der Headhunter wird für die erfolgreiche Vermittlung eines Kandidaten von seinem Auftraggeber, also dem Unternehmen, bezahlt. Sollte Carina sein Profil für geeignet halten, dann wird Sie dieses mit Einverständnis von Benjamin dem Unternehmen vorlegen.

Obwohl das Social Recruiting mit Direktansprache eher unseriös wirkt, müssen sich Bewerber vor Anfragen nicht fürchten. Für Jobsuchende, wie Benjamin, war die Kontaktaufnahme ein voller Erfolg. Schnell sollte aber dann auf bewährte Kommunikationskanäle gewechselt werden, um dem Headhunter auf Augenhöhe zu begegnen.

Von Björn Thomsen