Jobeinstieg divers: Wie bewerbe ich mich als Transgender?

Endspurt für Olivia W.: Die Studentin, im vorletzten Mastersemester für Mechatronik, lebt schon einige Jahre als Frau - (noch) unter männlichem Namen. Höchste Zeit für die Jobsuche, was einige Fragen aufwirft: Offensiv in Bluse und Rock bewerben? Oder als Mann auftreten, gute Arbeit leisten und sich erst nach Ende der Probezeit outen? Was Transgender auf Jobsuche beherzigen sollten, lesen Sie hier ...

Jobvermittlung - nach gelebtem Geschlecht

Die schlechte Nachricht zuerst: Unter Transgender ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Einer der Gründe: Viele kündigen gute Jobs mit dem Plan, die Transition zu machen und sich anschließend unter neuem Label anderswo zu bewerben. Aber unterschätzen nicht selten die Zeitdauer der Veränderung - Probleme beim Wiedereinstieg vorprogrammiert. Falls Sie sich mit Unterstützung der Agentur für Arbeit bewerben, sollten Sie darum bitten, dass man Sie nach gelebtem Geschlecht vermittelt. Ein Anrecht darauf besteht allerdings nicht. Flexibler gelingt dies, wenn Sie sich über eine Zeitarbeitsfirma bewerben: Nach Absprache kann man Sie meist im gelebten Geschlecht vermitteln, ohne dass Daten Ihres "früheren Lebens" an potenzielle Arbeitgeber gehen.

Transmann, Transfrau? Dokumente handhaben

Nicht wenige Arbeitgeber sind mit den Themen divers und Transgender nicht vertraut - und denken dabei eher an Rotlicht als an gezielte Karriereplanung. Sie sind Experte oder Expertin - also im Vorteil! Helfen Sie Ihrem Gegenüber, indem Sie erläutern, weshalb in Ihren Zeugnissen, Dokumenten und Bescheinigungen ein Name steht, der auf ein anderes Geschlecht hindeutet. Schul- und Arbeitszeugnisse, die für eine spezielle Bewerbung nicht mehr relevant sind, lassen Sie ohnehin weg. Rechtlich sind Sie Mann (bzw. Frau oder divers) - ein Passus in den Unterlagen klärt Ihren aktuellen Status. Weshalb Sie divers sind, können Sie im Anschreiben rechtfertigen: Vielleicht fühlen Sie sich divers einfach besser, weil stimmiger und daher leistungsfähiger?

Transgender, divers? Namensänderung und Zeugnis

Ihre VÄ/PÄ ist frisch beantragt? Dies in der Bewerbung zu erwähnen, schadet nicht. Sind Vornamens- bzw. Personenstandsänderung wirksam, schreiben zuständige Stellen Ihre Unterlagen auf den neuen Namen um. Ab jetzt gilt das Offenbarungsverbot: Früherer Vorname und Geschlecht dürfen nicht mehr erkennbar sein. Ausnahme: Zeugnisse, denn die Rechtssicherheit gebietet, am Inhalt einer Urkunde festzuhalten. Weshalb? Nun, in der Zwischenzeit können - etwa durch beglaubigte Abschriften - zahlreiche Zeugnisexemplare in Umlauf bzw. Rechtsverkehr gelangt sein. Ihre Namensänderung macht Ihr Zeugnis weder fehlerhaft noch nichtig (§ 44 VwVG)! Nur nach Geschlechtsumwandlung besteht ein Recht auf ein Ersatzzeugnis - mit neuem Namen, aber ursprünglichem Datum.

Bewerben ohne Namensverwirrung

Ergreifen Sie selbst die Initiative, um Namensdiskrepanzen in Ihrer Bewerbung zu erklären - und sei es, um bei der Arbeit gleich mit richtigem Vornamen angesprochen zu werden. Tipp: Um Verwirrungen durch unterschiedliche Vornamen bei E-Mailadresse, Anschreiben und Lebenslauf bzw. Zeugnissen zu vermeiden, können Sie Ihre E-Mail um eine Signatur ergänzen: Ich bin Transgender - und freue mich, wenn Sie mich entsprechend adressieren. Bewerben Sie sich mit tabellarischem Lebenslauf, können Sie diesen in Persönliche Daten, Ausbildung, Berufserfahrung, Sonstige Qualifikationen und Persönliche Interessen gliedern (und hier z. B. Engagement im Divers-Kontext erwähnen).

Einfach anonym bewerben?

Sie spielen mit dem Gedanken, sich einfach anonym zu bewerben, also bewusst auf Namen und Foto zu verzichten? Ein Ansatz, der bereits in verschiedenen Bundesländern als Pilotprojekt angestoßen wurde. Die Resonanz auf Unternehmerseite? Kein Interesse: Viele Arbeitgeber sahen keinen Nutzen für die eigene Firma, einige hatten das Gefühl, so zuzugeben, dass die Benachteiligung bestimmter Bewerber bei ihnen Usus ist. Siemens dagegen verlangt ausdrücklich kein Bewerberfoto, aber Jobinteressenten schicken es trotzdem.

Transgender im Direktkontakt: Vorstellungsgespräch

Zum Vorstellungsgespräch eingeladen? Glückwunsch! Treten Sie als Frau (bzw. Mann) auf und spielen Sie mit offenen Karten. Aufgeklärte Gegenüber fragen Sie gleich mit einem Lächeln, wie Sie bezeichnet werden möchten: "Herr (bzw. Frau) ist wohl keine Option, oder?" Leider gehören sie noch zu einer Minderheit. Also nehmen Sie selbst Druck heraus, indem Sie das Thema divers bzw. Transgender ansprechen, um das Eis zu brechen. Gut, wenn Sie im Vorfeld herausfinden, wie der potenzielle Arbeitgeber zu Transgender steht. Aber Vorsicht: Recht haben ist das eine, gute Eigenwerbung etwas anderes. Widerstehen Sie der Versuchung, das Transgender-Thema hochzuspielen. Vermitteln Sie lieber möglichst beiläufig, dass Sie eine offene Haltung bei Ihrem Chef in spe als selbstverständlich voraussetzen.

Divers, Transgender: Diskriminierung verboten!

Wir schreiben 2018, aber es gibt sie noch: Chefs, die Witze über das maskuline Aussehen von Bewerberinnen machen! Im vorliegenden Fall hatte sich ein Personaler darüber irritiert gezeigt, einem "Mann in Frauenkleidern" gegenüber zu sitzen. Die Bewerberin klagte - und verlor. Denn sie hatte ihren Status im Bewerbungsverfahren verschleiert, weshalb das Gericht keine Verletzung von Persönlichkeitsrechten erkennen konnte. Was belegt, dass es in der Praxis einfach passen, die Chemie zwischen Bewerber und Personalchef stimmen sollte. Denn, allen Antidiskriminierungsverboten zum Trotz, sorgen bestimmte gefühlte Vorlieben und Abneigungen immer wieder dafür, auch beste Qualifikationen beiseite zu wischen. Ziehen Sie dann besser weiter, statt Argumente gegen Vorurteile ins Feld zu führen. Sparen Sie Ihre Energien, um beim nächsten toleranten Chef zu punkten. Sie spüren Widerstände? Bieten Sie an, zur Probe oder befristet zu arbeiten - das öffnet Türen.

Charta der Vielfalt - für divers und Transgender

Elektrohersteller Bosch engagiert sich, sein Image als Männerkonzern abzustreifen. Bosch verfügt über eine eigene Diversity-Abteilung, gibt sich für alle Geschlechter, Nationalitäten und sexuellen Orientierungen offen und ist auf Karrieremessen für Transgender vertreten. Als eines von über 2.600 Unternehmen und öffentlichen Stellen hat Bosch die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Ziel ist ein Arbeitsumfeld frei von Vorurteilen. Jetzt bewerben? Dies sind Ihre Arbeitgeber, Ihre ersten Adressaten, weil sie Ihnen erlauben, zu Ihrer Persönlichkeit mit all ihren Facetten zu stehen - aus Überzeugung, nicht, weil Sie es müssen.

Bewerben als Transgender: Das haben nur Sie zu bieten

Ja, als Transidente(r) müssen Sie mit Problemen am Arbeitsplatz wie Mobbing rechnen und Ängste überwinden! Aber bringen Sie auch ins Bild, dass Sie als Transgender auch Chancen zu vergeben haben: Dass Sie divers sind, ändert nichts an Ihren Qualifikationen und Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung. Im Gegenteil: Leben im Identitätsgeschlecht macht Sie ausgeglichener, zufriedener und damit belastbarer - für Ihren Arbeitgeber ein echter Mehrwert! Mehr noch, Ihre Vertrautheit mit Änderungsprozessen entpuppt sich als wichtige Ressource und Alleinstellungsmerkmal. Sie verdienen eine faire Chance auf Arbeit und Ausbildung - viel Erfolg!

 Von Björn Thomsen