Wie klimafreundlich arbeiten Sie?

Auch wer Streaming-Dienste nutzt, Videokonferenzen abhält oder ganze Unternehmensbereiche smart macht, belastet das Klima. Der CO2-Ausstoß passiert dabei leiser, ist weniger sichtbar. Doch er lässt sich nicht leugnen. Ingenieure sind gefordert, Beiträge zu einer „sanften Digitalisierung“ zu leisten. Die Kernfragen lauten: Wo ist die Digitalisierung sinnvoll – wo nicht? Und wie lässt sich die Transformation möglichst nachhaltig gestalten?

Der Schornstein qualmt, die Maschine quietscht und ächzt, der Automotor heult auf. Wer daneben steht, erkennt sofort: Das kann nicht gut für die Umwelt sein. Die Emissionen und der Energieverbrauch scheinen mit den Händen greifbar zu sein, es ist eine direkte Erfahrung. Wie sauber und rein dagegen erscheint die digitale Welt: Da qualmt, quietscht und ächzt nichts, ganz leise rattert die Festplatte im Laptop, summen ab und an die Mini-Ventilatoren der Computer, aber eigentlich wirkt es so, als streame, surfe und downloade man lautlos, umweltfreundlich und klimaneutral.

Smart gleich sauber? Von wegen!

Zählt man digitale Geräte zusammen, ergibt sich pro Person ein ökologischer Fußabdruck der digitalen Aktivitäten in Höhe von rund 850 Kilogramm pro Jahr. Nehme man nun noch weitere Treibhausgasemissionen hinzu, die durch die Nutzung von weltweit verteilten Websites, Musik- und Videostreaming-Diensten, sozialen Netzwerken, vernetzten Haushaltsgeräten, Videoüberwachung oder Big-Data-Analysen entstehen, so summiert sich der individuelle digitale CO2-Fußabdruck leicht auf mindestens eine Tonne pro Jahr

Digital? Nicht zwingend

Was darauf folgt? Zum einen steht die digitale Wirtschaft vor der Aufgabe, ihre Prozesse energieeffizienter zu gestalten und deutlich mehr auf Öko-Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu setzen. Zum anderen geht es darum, nicht zu denken, digitale Lösungen hätten per se eine bessere Wirkung als analoge.

Nachhaltigkeits-Nutzen-Bilanz in der Entwicklung

Wie das gelingen kann? Indem man zum Beispiel nicht alle elektronischen Geräte smart macht, nur weil das technisch möglich ist. Ob zum Beispiel ans Netz angeschlossene Kühlschränke, die selbstständig Milch nachordern und die gekühlten Waren auf Haltbarkeit prüfen, tatsächlich ökologisch nachhaltiger sind, sollte geprüft werden – denn diese smarten Modelle werden mehr Strom verbrauchen als herkömmliche Geräte, direkt wie indirekt, und damit auch in der Energieeffizienzklasse nach unten rutschen. Apps hingegen, die im Heim den Heizbedarf analysieren und steuern, könnten wiederum eine positive Energiebilanz fördern. Für Ingenieure wird es darauf ankommen, bei jeder Entwicklung genau hinzuschauen: Was sind die Folgen? Was hört sich zwar fortschrittlich an, bringt mit Blick auf die Ökobilanz aber negative Effekte mit sich?

Diese differenzierte Betrachtungsweise muss auch in ganz anderen Bereichen eingeübt werden. Ist eine klimaschädliche Flugreise eines Ingenieurs sinnvoll, wenn er zu einem Meeting fliegt, an dessen Ende auch auf Basis des persönlichen Austauschs nachhaltige Lösungen gefunden werden? Hier gibt es keine pauschalen Antworten, geprüft werden muss jeweils im Einzelfall. Vor allem sollte auch nicht die eine oder andere Herangehensweise verurteilt werden. Denn dafür ist die Sache zu komplex. Wer sich zum Beispiel aktiv für den Klimaschutz engagiert, am Abend aber stundenlang Serien streamt, handelt im Grunde genauso paradox wie ein SUV-Fahrer, der den Biomarkt ansteuert. Und wer als Ingenieur jegliche technische Anwendung smart macht, weil es halt möglich ist, ohne zu schauen, welche Folgen der digitale Mehrwert hat, ist mit Blick auf die CO2-Bilanz nicht unbedingt besser als ein konservativer Vertreter des Fachs, der sich digitalen Lösungen, wenn möglich, verweigert. Auf den differenzierten Blick kommt es an – auch wenn man dafür etwas länger nachdenken muss.

Mit guten Beispielen vorangehen

Dabei kann es vorkommen, dass Ingenieure vor der Herausforderung stehen, einer Gesellschaft alternative nachhaltige Techniken näherzubringen und gegen Skepsis anzukämpfen. Darauf sollten sich Berufseinsteiger einstellen.