Das Vorstellungsgespräch in der Kritik

Gerade das klassische Vorstellungsgespräch ist seit mehreren Jahren massiver Kritik ausgesetzt. „Alles ändert sich“, heißt es, „nur das Interview bleibt gleich.“ Wenn wir einen Perspektivenwechsel auf die andere Seite des Schreibtisches vornehmen, wird die Unzufriedenheit mit der klassischen Vorgehensweise verständlich.

Natürlich empfindet der Personalleiter, aber vor allem der Fachbereichsleiter einen wesentlich höheren Druck in den Bewerbungsverfahren. Das fängt damit an, dass in vielen Bereichen ein „War for Talents“ tobt.

Außerdem kann eine Fehlentscheidung sehr kostspielig sein. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass die Kosten für einen Wechsel auf der obersten Führungsebene zwei bis vier Jahresgehälter betragen. Im mittleren Management werden ein bis zwei Jahresgehälter angegeben. Und auf der operativen Ebene ist die Rede von bis zu zwölf Monatsgehältern.

Die Suche nach dem optimalen Einstellungsverfahren

Unternehmen müssen bei der Einstellung oft einen Spagat meistern. Es müssen Mitarbeiter eingestellt werden, die zum Unternehmen passen, die fachlich überzeugend sind und die von der Persönlichkeit her integer und authentisch wirken.

Die Erwartung an das Vorstellungsgespräch nimmt damit neue Dimensionen an. Gleichzeitig wird es insgesamt infrage gestellt. Lauren Rivera, eine amerikanische Soziologin, hat die Ergebnisse von Interviews folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Erfolg haben nicht die Besten.“ Sie hat Hunderte von Führungskräften befragt und war bei über hundert Einstellungsgesprächen dabei. Ihr Fazit: Die Auswahl beruht häufig auf Sympathie und Zufall.

Iris Bohnet, Professorin an der Harvard Kennedy School, ist überzeugt, dass es Bewerbungsgespräche in zehn Jahren nicht mehr geben wird, denn sie erlauben keine seriösen Rückschlüsse auf den Leistungswillen oder die Expertise des Bewerbers. Weil sich die meisten Menschen vom Sympathie-Faktor leiten lassen, befürwortet sie ein standardisiertes Verfahren. Computer könnten das besser und deshalb sollten Algorithmen die Vorauswahl bei Bewerbungen treffen.

Sympathie im Vorstellungsgespräch

Manchen gehen die Vorstöße für ein rein objektives Auswahlverfahren zu weit. Nane Nebel, Inhaberin der gleichnamigen Karriereberatung und Autorin des Buches Die CEO-Bewerbung, hält in einem XING-Artikel mit der Überschrift Den richtigen Job finden Sie nur mit Emotionen ein Plädoyer für Emotionen im Bewerbungsverfahren: „Der Bewerbungsprozess ist ein hochemotionaler Prozess, der einer Achterbahnfahrt der Gefühle gleicht.“ Sie erkennt in ihrem Artikel diese Tatsache nicht nur an, sie fordert auch dazu auf, Emotionen zuzulassen, und betont die Notwendigkeit von Sympathie im Bewerbungsprozess.

Beim Bewerben ist es zwingend notwendig, die verschiedenen Ansätze und neuen Kriterien bei Bewerbungsgesprächen zu kennen und je nach Situation für sich zu nutzen. Ein kleiner Mittelständler hat sich möglicherweise weniger mit diesen Tatsachen befasst und geht ganz traditionell vor. Die Personalabteilungen von großen Mittelständlern, von Hidden Champions und Konzernen wissen jedoch um die Veränderungen im Rekrutierungsverfahren und um die neue Macht des Bewerbers. Sie wollen die neuen Personalgewinnungsstrategien anwenden.

Die Chance ist somit groß, dass dir im Interview ein Fachbereichsleiter gegenübersitzt, der hohem Druck ausgesetzt ist. Er muss sich – quasi – bei dir bewerben und will sich nicht nachsagen lassen, dass er das Unternehmen nicht gut verkauft hat!

Weitere Informationen dazu, wie Sie Vorstellungsgespräche optimal für sich nutzen, finden Sie in Bewerben 4.0: Dein Traumjob in der digitalen Arbeitswelt von Karriere-Coach und Outplacement-Berater Vincent G. A. Zeylmans van Emmichoven.