Vom Mediziner zum Krisenmanager

 

Bereits vor der Corona-Pandemie galt: Der Ärztemangel ist eklatant, sowohl in Praxen als auch in Kliniken. Ausweg aus Überlastung und Unzufriedenheit kann eine neue Einstellung zum Beruf sein: In Zeiten des demografischen Wandels und der Digitalisierung wird der Arzt zum Coach für die Patienten und zur modernen Führungskraft für sein Team. Nötige Skills sind emotionale Intelligenz und die Gabe, zuzuhören. 

 

Wer in den Suchmaschinen den Begriff „Ärztemangel“ eingibt, wird staunen: Dutzende Beiträge sind erschienen, in denen der Ärztemangel nicht nur auf dem Land, sondern auch in den großen Kliniken der Städte beklagt wird. So berichtete der NDR, dass in der größten Klinik von Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin Operationen abgesagt werden mussten, weil nicht genügend Narkose-Ärzte im Dienst waren. Die Personaldecke sei so dünn, dass bereits ein Krankheitsfall den Dienstplan ins Wanken bringen würde, heißt es im Beitrag.

Mehr Ärzte, aber noch mehr Bedarf an Medizinern

Umso überraschender eine Nachricht von der Bundesärztekammer, veröffentlicht Ende März dieses Jahres. In der heißt es: „Wie aus den Daten der Bundesärztekammer hervorgeht, waren im Jahr 2017 im Bundesgebiet 385.149 Ärztinnen und Ärzte ärztlich tätig. Dies waren gut 6500 mehr als im Vorjahr.“ Doch da immer mehr ältere Menschen in Deutschland leben, reicht dieser geringe Zuwachs nicht aus. 

Keine Zeit für Soft Skills

Die Folgen bekommen die Ärzte zu spüren, die heute in Kliniken und Praxen über Überlastung stöhnen. Und diese sei nicht eingebildet, wie die BÄK-Statistik zeigt. So heißt es darin: „Niedergelassene Vertragsärzte arbeiten schon jetzt durchschnittlich mehr als 50 Stunden pro Woche.“ In den Krankenhäusern sei es ähnlich: „Nach Erhebungen des Marburger Bundes sind viele Ärzte im Krankenhaus (40 Prozent) 49 bis 59 Stunden pro Woche im Einsatz, jeder Fünfte hat sogar eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 60 bis 80 Stunden, inklusive aller Dienste und Überstunden.“ Zum Vergleich: Das Statistische Bundesamt beziffert die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen in Deutschland auf 35,6 Stunden. Ärzte arbeiten also deutlich länger als der Durchschnitt. Und doch fehlt noch immer die Zeit für Gespräche mit den Patienten. 

Ethik statt Geld

Wie aber lässt sich die Situation verbessern? Einige Vorschläge dazu gibt es bereits. So müsste es dem Arzt zum Beispiel möglich sein, mehr für die Prophylaxe seiner Patienten zu tun – und auch diese Arbeit abrechnen zu können. Wie diese Prophylaxe konkret aussehen kann? Vorstellbar sind beispielsweise „Informationsstunden“ in der Praxis. 

Nach diesem Konzept werde der Arzt verstärkt zu einem Vorsorge-Dienstleister, Medizin-Kommunikator und Gesundheits-Coach. Dafür sind Kompetenzen wichtig, die weit über die medizinische Ausbildung hinausgehen. Es geht also darum, emotionale Intelligenz zu entwickeln und die Kunst des Zuhörens neu zu lernen.

Arzt als Führungskraft

So reicht es künftig nicht, den direkten Arztkontakt in der Sprechstunde als einzigen Ort der Behandlung zu betrachten. Die Begleitung müsste umfänglicher sein. Und es entlastet die Ärzte, wenn sie davon ausgehen dürfen, dass das gesamte Praxis- oder Klinikteam zu diesem Ansatz beiträgt. Hier kommt es dann verstärkt auf Teamarbeit an. Der Arzt erhält eine Rolle als Führungskraft, wichtig werden die passenden Leadership-Skills: Er gibt seinem Team spezifische Verantwortung und Vertrauen. Diese Kompetenzen sollen angehende Ärztinnen und Ärzte also unbedingt beachten.