Eine kritische Situation - Führung im Wandel

Führungskräfte haben es schwerer denn je. Ihnen wird nicht nur die Schuld für die Krise in die Schuhe geschoben. Sie müssen auch ausbaden, dass dauernd Leute abspringen. Da braucht man Nerven wie Drahtseile.

Um Entscheidungsträger ist es nicht gut bestellt, meint der Starnberger Coach Andreas Welther. Erstens seien zu viele "Schönwetterkapitäne" unterwegs, zweitens komme die Heftigkeit der inzwischen wieder abebbenden Krise in den Management-Lehrbüchern einfach nicht vor. "Wem beigebracht wurde, dass Shareholder Value und Wachstum die alles entscheidenden Primärziele in der Unternehmensführung darstellen", sagt Welther, "dem fehlt schlicht die Orientierung."

Strategien der Mitarbeiterführung überdenken
Besonders in der Krise spitzt sich der Egotrip gefährlich zu. Wie die Unternehmensberatung DDI unter 4.500 Managern ermittelte, rangieren Kommunikation, Teamorientierung oder Motivationsgabe als zentrale Führungsaufgaben auf den hinteren Plätzen. Respekt verschaffen sich Führungskräfte hingegen durch Ergebnisorientierung und das Vermögen, hart durchzugreifen.

Dabei kommen Führungskräfte als Rambo und Geheimniskrämer ihren Arbeitgebern teuer zu stehen. Weitere Studien zeigen: Durch zusätzliche Rückfragen, unnötige Diskussionen und unvollständige oder doppelte Ausführungen werden Unternehmensergebnisse erheblich beeinträchtigt. Schon bei mittleren Unternehmen liegen die vermeidbaren Kommunikationskosten jährlich im siebenstelligen Bereich, ohne dass sich die Verantwortlichen dessen bewusst sind.

Risiko Projektmanagement
Besonders eklatant schlägt sich diese Entwicklung im Projektmanagement nieder. Jedes dritte Projekt wird abgebrochen, jedes zweite strapaziert das Budget, und 90 Prozent dauern länger als geplant, ermittelte das Wirtschaftsmagazin "The Economist". Sabine Niodusch schult seit Jahren Projektleiter. Die Hamburgerin kennt deren Probleme aus dem Effeff. Projekte zu leiten eigne sich nicht für Hasenfüße, sagt sie. Hier mische sich der Boss dauernd ein, dort solle man risikobehaftete Projekte "mal eben wuppen".

Wahr ist aber auch: "Kaum jemand wird schneller abgeschossen als ein Projektmanager", so Niodusch. Coach Welther, einst Vorstand und Geschäftsführer internationaler Beratungshäuser, will sich nicht mit taktischem Geplänkel begnügen. Er hält vielmehr die Zeit für eine Wertediskussion gekommen. Sei es nicht mehr möglich, kompetent und fair zu agieren, seien die Hintergründe des Handelns nicht mehr transparent, empfiehlt Welther, die Gretchenfrage zu stellen. "Glaube ich an die Wiederaufrichtung des alten Systems oder habe ich genug Mut und Vision für ein anderes Wirtschaften?" Den Absprung zu wagen sei im Zweifel für jeden Manager eine kühne aber respektable Entscheidung.
 
Von Winfried Gertz