Angst im Beruf

Angst ist ein wichtiges Gefühl, sollte aber im Berufsleben eine möglichst geringe Rolle spielen. Das müssen auch Unternehmen erfahren, denen Angst jährlich weit über 100 Milliarden Euro kostet. Dabei ist es doch einfach: Zeit für eine Führungskultur die den Mitarbeitern Sicherheit und Halt bietet. Psychologen und Ökonomen sind sich einig: Das steigert die Hingabe und Leistungsfähigkeit.

Sprache der Angst

Sie wischen über ihr Tablet, hacken E-Mails in die Notebooks und telefonieren mit Kollegen, als befürchteten sie, ihnen fällt der Himmel auf den Kopf, wenn sie ihre Geräte aus der Hand legen – die Business-Menschen, die man in jedem ICE und an jedem Flughafen beobachten kann. Häufig wird man zwangsläufig zum Zuhörer ihrer Telefonate: Da ist von Problemen die Rede, die man zeitnah anpacken müsse, bevor Konsequenzen drohen. Von Kollegen, die eine Aufgabe nicht bewältigt haben. Von enttäuschten Kunden oder Projekten in der Sackgasse. Und wenn der Chef am Handy ist, wird beschwichtigt: „Wird erledigt, dürfte kein Problem sein, alles klar, ich melde mich wieder.“ Das soll souverän klingen, doch die unruhigen Augen und Hände sprechen eine andere Sprache. Eine Sprache der Angst. Von einer Liebe zum Beruf keine Spur.

Die Menschen reagieren auf diese emotionale Verkümmerung und suchen sich ihre leidenschaftlichen Tätigkeiten verstärkt im privaten Umfeld. Es entsteht eine neue Do-it-yourself-Kultur: Viele junge Leute betreiben „Schrebergärten 2.0“ und nennen es „Urban Gardening“ oder werden Imker. Die Motive sind klar: Die Menschen möchten etwas Schönes tun. Eine Arbeit mit Liebe verrichten. Viel besser wäre da natürlich, wenn es Unternehmen gelingen könnte, ein Umfeld zu schaffen, damit ihre Mitarbeiter die Leidenschaft auch im Job zeigen – und nicht nur am Wochenende.

Anzeichen für ein Umdenken gibt es. Es muss es sogar kommen, wenn die Branchen die großen Herausforderungen meistern wollen, vor denen sie stehen – von der Globalisierung über die Auswirkungen der Digitalisierung bis hin zum Umgang mit immer anspruchsvolleren Kunden. Hier liegen Lösungen nicht mehr auf der Hand. Sie müssen mit Leidenschaft entwickelt werden.

Auf Angst folgt Flucht

Doch die Angst macht es schwer, diese Leidenschaft zu entwickeln. Noch immer sieht es in vielen Unternehmen so aus:  Anforderungen werden von oben nach unten delegiert. Werden sie nicht erfüllt, werden negative Konsequenzen angedroht. Schon entsteht Stress. Dabei reagieren die Menschen verschieden, oft aber einfach mit Flucht. Und die richtet ökonomisch betrachtet großen Schaden an.

Wer ist betroffen?

Angst in Unternehmen? Da denkt man  vor allem an die Älteren, die viel zu verlieren haben. Doch gerade in der jungen Generation ist die Angst vor dem Absturz am größten.  Aber woher kommt diese Angst in einer Zeit des Wohlstands? Gibt es nicht sogar in vielen Bereichen einen Fachkräftemangel? Es stimmt: Die junge Generation darf sich sehr guter Perspektiven erfreuen. Objektiv besteht also kaum ein Grund zur Angst. Doch ist Angst eben ein Gefühl.

Liebe als Gegenmittel

Egal, ob man psychologisch oder ökonomisch argumentiert: Gegen Angst gibt es ein wunderbares Mittel – und das ist die Liebe. Doch dies geschieht zu selten. Die Neigung, Risiken zu vermeiden, ist ein großer Trend der heutigen Gesellschaft. Die Folge: Statt auf Vielfalt zu setzen sowie Ecken und Kanten auszuhalten, entwickeln Gesellschaft und Wirtschaft vermeintlich ideale Persönlichkeitsprofile. Zum Beispiel eben von genormten Managementfiguren in Anzügen oder Kostümen.

Steht also die Liebe in der Wirtschaft auf verlorenem Posten?

Ein Problem der Liebe ist, dass man von ihr enttäuscht werden kann. Viele Menschen haben daher Angst vor der Liebe. Und sie haben auch Angst, ihren Traumjob anzustreben – aus Angst davor, erfahren zu müssen, dass auch hier die Wege steinig sind und Rückschläge dazugehören. Umso wichtiger ist es, in diesem Moment eine Art von Gemeinschaftsgefühl zu erleben. Also auch im Beruf nicht von Vorgesetzten umgeben zu sein, die das Spiel mit der Angst spielen. Oder von Kollegen, die längst innerlich gekündigt haben und nur noch Zynismus teilen. Stattdessen von Menschen, die diese Hingabe teilen und die Enttäuschung vielleicht ebenfalls kennengelernt haben.