
Studium abgebrochen - und nun? Nach wie vor beenden zu viele hoffnungsvoll gestartete junge Leute ihr Studium vorzeitig. Eine Volkswirtschaft, in der immer weniger junge den Lebensabend von immer mehr älteren Menschen finanzieren müssen, kann sich dieses Problem eigentlich nicht leisten.
Tatsächlich finden Studienabbrecher schnell Anschluss im Berufsleben. Was die Experten des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover an Datenmaterial vorlegen, kann niemanden in Politik und Wirtschaft wirklich beruhigen. Zwar sind die Abbruchquoten laut HIS-Projektleiter Ulrich Heublein in 2008 gegenüber 2005 nicht zuletzt als Ergebnis des Bologna-Prozesses etwas gesunken. "In den Rechts- und Sozialwissenschaften verzeichnen wir ebenso positive Tendenzen wie in Sprach- und Kulturwissenschaften. Hier wirken sich die neuen Bachelor-Studiengänge eindeutig abbruchvermindernd aus." Umgekehrt seien die Abbruchquoten im Maschinenbau und in den Naturwissenschaften auf neue Höchststände geklettert.
Warum Studenten das Handtuch werfen
Nahezu jeder Dritte, der sich in Mathematik, Physik, Elektrotechnik oder Informatik immatrikuliert, hält laut HIS nicht bis zum Abschluss durch. Während die Abbruchquoten an Universitäten etwas zurückgehen, stiegen sie an Fachhochschulen deutlich an. Im Vergleich zwischen Abschlussarten liegt die Quote beim Staatsexamen bei lediglich 7 Prozent, während 39 Prozent der Bachelorkandidaten an Fachhochschulen vorzeitig aufgeben. Die Gründe, warum so viele Studenten das Handtuch werfen, sind verschieden. Am meisten wird der mangelnde Bezug zur Praxis beklagt. Häufig werden auch finanzielle Probleme genannt. Werden Frauen schwanger, fällt es vielen schwer, bis zum Abschluss durchzuhalten.
Doch so bedauerlich es ist, wenn Studenten ihre wissenschaftliche Ausbildung nicht zu Ende führen - dem beruflichen Start tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, wer sein Studium hinschmeißt, fällt dieselbe Entscheidung wie einst Steven Spielberg und Bill Gates, wie Günter Jauch oder Rene Obermann. Sie brachen ihr Studium ab, weil sie sich unterfordert fühlten. Solche Leute wollen anpacken und keine Zeit mit theoretischem Kram vertrödeln. Ihr Erfolg gibt ihnen recht.
Chancen im Arbeitsmarkt
Zwar gründet nicht jeder gleich seine eigene Firma und nimmt sein Schicksal entschlossen in die Hand. Wer sich als Studienabbrecher bewirbt, muss sich auf erbitterte Konkurrenz einstellen. "Vor allem muss er seinen Nachteil gegenüber Absolventen kompensieren und Personaler überzeugen, dass seine Wahl einen Vorteil für das Unternehmen darstellt", sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Bringt der Bewerber mehr Praxiserfahrung, mehr Sprachtalent, mehr soziale Kompetenz oder mehr technisches Verständnis als die meisten Abgänger mit? Wie lassen sich diese Qualitäten in seinem bisherigen Lebenslauf nachweisen? Gibt es Referenzen, Arbeitsproben, Zeugnisse? Wer vor und während des Studiums fleißig "Berufserfahrung" sammeln konnte, hat faustdicke Trümpfe in der Hand.
Zahlreiche Unternehmen verweisen auf ihre positiven Erfahrungen mit Studienabbrechern. Aus Sicht der einstellenden Firmen hat der Abbrecher mehr Lebenserfahrung gesammelt und ist in der Regel selbstständiger. In der Ausbildung zeigt er mehr Durchhaltevermögen. Mittelständische Unternehmen bevorzugen Studienabbrecher, nicht zuletzt weil ihre Gehaltsforderungen in der Regel niedriger sind. Auch Konzerne geben ihnen eine Chance. Wer etwa im Ausland interessante Erfahrungen sammelt, kann sich bei Siemens im Projektmanagement anbieten oder dort, wo interkulturelle Kompetenz den Ausschlag gibt. Auch bei Ikea sind nicht nur formale Abschlüsse gefragt. Entscheidend ist die Persönlichkeit des Bewerbers, seine Wertschätzung für Menschen und - wer hätte es gedacht - Begeisterung für das Thema Wohnen und Einrichten. Von Winfried Gertz
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