Arbeiten bis zum Limit: Überstunden gehören zum guten Ton

Wenn es um Überstunden geht, dann macht uns im europäischen Vergleich keiner so leicht was vor: Deutschland ist absoluter Spitzenreiter, wenn es darum geht, eine Extraschicht im Büro zu schieben. Das ist allerdings ein fragwürdiger Rekord, der eher Grund zur Besorgnis, als zur Freude ist.

In den meisten Unternehmen gehören Überstunden fast schon zum guten Ton und sind eher die Regel als die Ausnahme. Im vergangenen Jahr hat jeder deutsche Arbeitnehmer rund 4 Überstunden pro Woche geleistet. Laut einer Umfrage gaben 64,2 % aller Befragten an, regelmäßig Überstunden zu machen. Dass das auf Dauer nicht nur zu einem Leistungsabfall und einer höheren Fehlerquote führt, sondern auf Dauer auch zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen kann, steht außer Frage.

Leider können sich viele Arbeitnehmer dem Leistungsdruck – egal ob selbst geschaffen, oder tatsächlich gegeben – kaum entziehen. Auch der Druck von Außen trägt oft dazu bei, noch die ein oder andere Stunde länger im Büro zu bleiben: Wer pünktlich Feierabend macht, muss sich da schonmal auf den ein oder anderen schnippischen Kommentar der Kollegen gefasst machen. Bedenklich wird das Ganze, wenn das Aufzählen von körperlichen Stress-Symptomen zu einem Wettbewerb ausufert. Getreu dem Motto: Wer hat sich am meisten aufgeopfert.

Soweit sollte es im besten Fall natürlich nicht kommen. Überstunden sind hin und wieder auch legitim. Wer aber nach der Arbeit nicht mehr abschalten kann, körperliche Stress-Symptome wie zum Beispiel Schlafstörungen oder Ohrgeräusche zeigt und sein Privatleben und die eigenen Hobbies zugunsten des Jobs vernachlässigt, der sollte sich schleunigst neu ordnen. Ein gesunder Egoismus ist hier eine gute Grundlage. Dazu gehört es, auch mal „Nein“ sagen zu können und klare Grenzen zu ziehen. Außerdem sollte man auch mal guten Gewissens pünktlich Feierabend machen, oder Arbeit gelegentlich an andere abgeben.

Natürlich steht auch der Arbeitgeber in der Pflicht, das Arbeitsverhalten seiner Angestellten zu beobachten und zu analysieren. Wenn über Monate Überstunden geleistet werden, dann muss hinterfragt werden, ob die Aufgabenverteilung möglicherweise schlecht organisiert ist.

Wer über einen längeren Zeitraum Überstunden ableistet, weil er sich beim Chef beliebt machen will, die Kollegen beeindrucken oder einfach nur mithalten will, der betreibt auf Dauer einen gefährlichen Raubbau an seiner Gesundheit. Leider gehört es in Deutschland noch immer zum guten Ton, sich vollkommen für den Job zu verausgaben und damit gesundheitlich bis ans Limit zu gehen. Für viele kommt der Weckruf jedoch erst mit einem Burnout oder einer anderen bedrohlichen Krankheit. Bleibt zu hoffen, dass dem überstundengeplagten Rest schon vorher ein Licht auf geht.