Zündende Ideen

Wer eigene Ideen einbringt und so der Firma Vorteile verschafft, ist der Liebling vieler Arbeitgeber. Doch die deutsche Wirtschaft nutzt das kreative Potenzial ihrer Mitarbeiter noch zu wenig, teilte das Institut für Betriebswirtschaft (DIB) in Frankfurt nun mit. Darauf kann im Land der Dichter und Denker niemand stolz sein.

Manfred Wiesner ist ein ganz gewiefter Franke. Dem Feldtechniker, der seit 1998 Mobilfunkstandorte von Vodafone im Würzburger Raum betreut, war aufgefallen, dass durch einen einfachen Kniff viel Strom gespart werden kann. Durch die von Wiesner vorgeschlagene Abschaltung sogenannter Gleichrichter sparte der Konzern im ersten Jahr bereits über 1,5 Millionen Euro ein.

Durch Kreativität in der Win-Win-Situation
Mitarbeiter wie Wiesner sind Leuchtfeuer, die anderen signalisieren: Folgt meinem Beispiel, es lohnt sich. Auch die Vodafone-Geschäftsführung in Düsseldorf ließ es sich nicht nehmen, ihn für seine tolle Idee auszuzeichnen und ihm eine satte Prämie aufs Konto zu überweisen. Wie das DIB in seiner jüngsten Umfrage unter 290 deutschen Unternehmen ermittelte, betrug der Wert der Verbesserungsvorschläge in 2007 knapp 1,5 Milliarden Euro. Die Beteiligungsquote ist hoch: Inzwischen schlägt jeder vierte Mitarbeiter eine Idee vor. Besonders kreativ sind Beschäftigte in der Automobilindustrie, auf jeden Mitarbeiter entfallen hier zwei Vorschläge.

Erfreulich entwickelte sich auch das Ideenmanagement bei der Deutschen Post AG. Waren 1999 rund 18000 Ideen eingebracht worden, die unter dem Strich zu 300.000 Euro Ersparnis beitrugen, verzehnfachten sich die Verbesserungsvorschläge im Jahr 2007. 257 Millionen Euro konnten eingespart werden, womit der einstige Monopolist laut DIB-Statistik die Konzerne VW und Siemens eindeutig auf die Plätze verwies.

Weg von Traditionen und starren Vorgaben
"Wir müssen weg vom traditionellen Formalismus", forderte Deutsche-Post-Personalvorstand Walter Scheurle vor etwa 350 Ideenmanagern auf der internationalen Jahrestagung Ende Mai in Essen. "Ideenmanagement muss Führungsaufgabe sein." Laut Christiane Kersting vom DIB könne nur so das brachliegende Potenzial, das Experten auf rund 27 Mrd. Euro beziffern und mit dem Bruttoinlandsprodukt von Litauen vergleichen, "als Schatz gehoben werden".

Wie Kersting, die seit 22 Jahren das Ideenmanagement in Deutschland vorantreibt, auf der Tagung selbstkritisch anmerkte, stünden Ideenmanager hierzulande "am Scheideweg". Noch immer werde ihre Aufgabe von Strukturen konterkariert, "in denen der Chef immer Recht hat und Mitarbeiter die ihnen übertragenen Aufgaben ausführen sollen." Diese Denke präge vielerorts auch das Ideenmanagement, das sich nur dem Namen nach von seinem bürokratischen Vorläufer, dem Betrieblichen Vorschlagswesen, entfernt habe.

"Wir beobachten eine Kulturrevolution in der Wirtschaft", sagte Kersting unverblümt offen. Viele Unternehmen hätten noch nicht begriffen, dass sie kreative Querköpfe benötigen, um "wettbewerbsfähig zu bleiben". Radikal müsste Hierarchie abgebaut werden und Vertrauen an die Stelle von Kontrolle treten. "Fördern wir nicht den Spaß an der Arbeit", redete Kersting Klartext, "ist von den Mitarbeitern auch keine Kreativität zu erwarten." Wegen einer in Aussicht stehenden Prämie allein wird sich niemand für eine Sache verwenden. Lohn der Mühe ist vielmehr Anerkennung, Wertschätzung, das Gefühl, ernst genommen zu werden. Mit Geld allein lassen sich Mitarbeiter schon lange nicht mehr motivieren.
 
Von Winfried Gertz