Wohnen im Büro

Wenn der Fernsehkommissar mal wieder im Büro übernachtet, ist meist das zerrüttete Privatleben Schuld. Doch auch viele Angestellte verbringen gerne ihre Nachtruhe auf der Bürocouch - weil sich der Weg nach Hause um halb zwölf nachts mal wieder nicht lohnt. Die Unternehmen nicken diese Entwicklung wohlwollend ab und versüßen den Kollegen mit allerlei Zusatzangeboten den Tag (- und die Nacht).

Wenn sich mittags der Kopf nicht mehr von der Schreibtischplatte heben lässt, sucht der Stress geplagte Angestellte den Entspannungsraum für einen Micro-Nap auf. Dieser Blitzschlaf gilt unter Arbeitssoziologen und Experten als innovativ und demonstriert den Kollegen eine passende Unausgeruhtheit, da man aus Verantwortungsgefühl für die Arbeit nachts nie länger als sechs Stunden aus dem Büro verschwindet.

Der Wohnraum Büro hat Vollausstattung
Nach dem Kurzschlaf bringt man seinen Kreislauf beim abteilungsinternen Power-Yoga wieder in Schwung, ebenfalls gesponsert von einem gesundheitsbewussten Arbeitgeber. Eventuelle sportliche Schweißausbrüche werden in den neu installierten Duschen weggespült, so dass die folgende Sitzung ohne peinliche Geruchsbelästigungen überstanden werden kann. Passende Kleidung zum Wechseln hängt sowieso in jeder zweiten Bürogarderobe.

Den nächsten Grund nach Hause zu verschwinden hat die Firma mit einem Flachbildfernseher in der Kantine ausgeräumt, so kann die Lieblingsvorabendserie schnell zwischen zwei Meetings verfolgt werden. Wer dann doch einmal vor der Tagesschau zuhause sein will und verschämt zum Aufzug schleicht, wird von den Kollegen, die ein kurzes Turnier am Kicker eingeschoben haben, mit dem Spruch "Schön, so ein Halbtagsjob" schnell wieder an die Präsentation für morgen erinnert.

Das Privatleben findet nicht in den Büroräumen statt
Ein abendliches Telefonat ersetzt das Familienleben und die verbliebenen Freunde werden per Kurznachricht informiert, dass über den Kneipenabend nach einem Blick in den Posteingang abschlägig entschieden werden musste. Zum Glück steht im Foyer ein kostenfreier Getränkeautomat mit Bier, die nächste Neuerung der Geschäftsführung, um den privaten Kühlschrank zu ersetzen. Wer aber nun seine Wohnung kündigt, weil sich dort nur der Staub auf den Möbeln sammelt, sollte kurz überlegen, ob das Wohnen im Büro nicht doch irgendwo seine Grenzen hat.

Denn für ein romantisches Dinner ist die Kantine genauso wenig zu gebrauchen wie die mitdenkende Büroeinrichtung bei einer Magen-Darm-Grippe. Und ob der Arbeitgeber mit der Ankündigung "Fühlen Sie sich im Büro wie zu Hause" den kompletten Umzug gemeint hat, bleibt fraglich. In diesem Sinne: Tasche packen und raus aus dem Büro. Sofort!
 
Von Manuel Boecker