Wo Milch und Honig fließen

Immer mehr Fach- und Führungskräfte zieht es ins Ausland. Manche wollen die Tür sogar für immer hinter sich schließen. Wie eine vom Bundeswirtschaftsministerium beauftragte Studie ergab, treiben miese Einkommen, hohe Steuern und fehlende Karrierechancen viele Leistungsträger aus dem Land. Wer sich verabschiedet, muss nicht gleich über den großen Teich hüpfen oder sein Glück "down under" suchen, denn viele Wünsche werden gleich um die Ecke wahr - in der Schweiz.

Die Frage hat es schon bis in Günter Jauchs Ratequiz "Wer wird Millionär" gebracht: In welches Land wanderten 2007 die meisten Deutschen aus - USA, Kanada, Australien oder Schweiz? Auf den ersten Blick mag es überraschend sein, doch tatsächlich zieht es die meisten zu den Eidgenossen. 30.000 wurden zuletzt Neubürger des südlichen Anrainers, wo bereits 200.000 ehemalige Bundesbürger ihre zweite Heimat gefunden haben. Und dass man dort schnell Wurzeln schlagen kann, hat das helvetische Portal Comparis herausgefunden.

Hohes Einkommen und niedrige Steuersätze machen die Schweiz attraktiv
Die Schweiz scheint ein wahres Paradies zu sein. Wie der Internet-Vergleichsdienst in einer repräsentativen Umfrage unter knapp 250 in die Schweiz ausgewanderten Personen ermittelte, rangieren das "schöne Land" und "nette Menschen" als Gründe ganz vorn, warum man sich wohlfühlt im Süden. Gleich dahinter folgen hervorragende Einkommensbedingungen und bessere Karriereperspektiven. Dass auch die steuerliche Belastung geringer ausfällt als in Deutschland, wird ebenfalls überdurchschnittlich oft betont. Interessant: Bei einer Vergleichsumfrage unter deutschen Arbeitnehmern, die sich vorstellen können auszuwandern, erfahren Land und Leute noch nicht diese hohe Wertschätzung.

Wer den Umzug bereits hinter sich hat, verwirklicht schnell seine materiellen Ziele. Nach Angaben von Comparis verdient jeder Dritte pro Monat mindestens 1.000 Euro mehr als in Deutschland. Wie attraktiv die Abgabequote ist, zeigt ein Beispiel: Muss ein Angestellter in Konstanz 44.000 Euro brutto im Jahr verdienen, um ein monatliches Nettoeinkommen von 2.000 Euro zu beziehen, reichen dafür in Zürich bereits 31.000 Euro. Nach Angaben der Finanzbehörden arbeitet ein Eidgenosse bis zum 16. April, um Steuern und Abgaben zu bezahlen. In Deutschland ist dies erst am 13. Juli so weit, errechnete der Bund der Steuerzahler.

Paradies für hochqualifizierte Kinderlose
Im Schnitt erzielten die Befragten ein Jahreseinkommen von etwa 66.000 Euro. Während 13 Prozent nach der Auswanderung ihr Einkommensniveau in etwa halten konnten, sanken die Einkünfte lediglich bei einem Prozent der Einwanderer. Dass sich die überwiegende Mehrheit in der Schweiz wohlfühlt, liegt auf der Hand. Schließlich hat etwa die Hälfte einen akademischen Ausbildungshintergrund. Hochqualifizierte Mitarbeiter sind in der Schweiz traditionell gesucht. Diese Nachfrage findet auch zunehmend Gehör unter potenziell Interessierten. Wie Comparis unter wechselwilligen Deutschen ermittelte, können sich überdurchschnittlich viele besser Ausgebildete vorstellen, aus beruflichen Gründen in die Schweiz umzuziehen.

Studien belegen: Auswanderer sind im Schnitt Mitte 30, höher gebildet, verheiratet und kinderlos. Gerade in der Schweiz bieten sich ihnen viele Vorteile. Aber das Land, wo Milch und Honig fließen, ist es deshalb noch nicht. Nicht überall sind Familien willkommen, und das Wohnen ist deutlich teurer als in Köln oder Berlin. Zumindest in der deutschsprachigen Schweiz zeigt man sich hier und da reserviert gegenüber den neuen Mitbürgern aus dem Norden. Man respektiert sich, miteinander warm wird man hingegen nicht.
 
Von Josef Bierbrodt