Wirtschaftsethik und Whistleblowing

Schmiergeldaffären, Umleitung von Steuergeldern, Gammelkäse und Anlagebetrug machen in jüngster Zeit negative Schlagzeilen - und lassen die Debatte um Wirtschaftsethik einmal mehr aufflammen. Es sind die Führungsspitzen, die ethisch versagen. Doch geraten die Unternehmen meist ebenfalls in das Kreuzfeuer der Kritik. Erfolgreich und "richtig" wirtschaften - geht das überhaupt? Und wenn ja: Wie können Manager dazu gebracht werden?

"Ethische Maßnahmen sind nur sinnvoll, langfristig wirksam und eher konfliktfrei, wenn sie sich in ein strategisches Gesamtkonzept integrieren lassen und auch vom Top-Management getragen werden", stellt Dr. Dr. Alexander Brink fest, Juniorprofessor für Angewandte Ethik an der Universität Bayreuth. Die Führungselite spielt ihm zufolge bei der Implementierung ethischer Grundsätze im Rahmen der Unternehmensentwicklung eine herausragende Rolle. Denn während die Leitsätze des Unternehmens gegenüber den Menschen, dem Markt und der Umwelt die Ebene der so genannten Institutionenethik betreffen, fallen die Einstellungen der einzelnen Mitarbeiter - und das heißt insbesondere auch die der Führungskräfte - in den Bereich der Individualethik.

Moral steht hinter der Ökonomie
Wozu nun diese doch recht philosophisch klingende Unterscheidung? Ganz einfach: Im Geschäftsalltag eines Unternehmens führt der personenorientierte Ansatz der Individualethik in eine Zwickmühle. Denn, so Brink: Moralische und ökonomische Ziele seien häufig unvereinbar. Individuen neigten dazu, ihre moralischen Ansichten der ökonomischen Rationalität unterzuordnen. Das heißt nichts anderes, als dass sie es sind, die Schmiergelder annehmen, Steuern hinterziehen oder Investoren an der Nase herumführen. In solchen Fällen könne durch eine entsprechende Institutionenethik gegensteuert werden, etwa durch das Schaffen von Einrichtungen, die ethisches Verhalten belohnen und unmoralisches Handeln sanktionieren. Mit Hilfe entsprechend hoher Kosten, die das Individuum im Rahmen seiner Sanktionierung tragen muss, sollten moralische Ziele wieder mit ökonomischer Markt- und Wettbewerbsrationalität in Einklang gebracht werden.

Im Rahmen der Unternehmensentwicklung stehen laut Brink verschiedene Implementierungshilfen zur Verfügung, um sowohl Individualethik wie Institutionenethik, sowie deren Zusammenwirken zu unterstützen und zu fördern: Ein Verhaltenskodex, der so genannte "Code of Conduct", könne auf direktem Wege die ethischen Normen der Mitarbeitenden beeinflussen. Ethik-Trainings steigerten die ethische Sensibilität von Managern und verbesserten ihre moralisch-kognitive Kompetenz. Daneben ließen sich Ethik-Kommissionen einsetzen, die einen strengen Blick auf das Unternehmen werfen: So beobachten derartige Kommissionen zum Beispiel, ob der selbst auferlegte Verhaltenskodex des Unternehmens tatsächlich befolgt wird.

Wer öffentlich flüstert, der fliegt
Was in den USA schon lange Standard ist, setzt sich hierzulande nur zögerlich durch. So wird in Deutschland von Ethik-Kommissionen nur wenig Gebrauch gemacht. Gleiches gelte für das sogenannte "Whistleblowing", also das Aufdecken von Missständen durch interne Informanten. Damit jemand Mut fasst, mit heiklen Informationen an die Öffentlichkeit zu gehen, müssen Brink zufolge gleich fünf Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss das Unternehmen durch seine Produktpolitik der Öffentlichkeit Schaden zufügen. Zweitens muss der der Arbeitnehmer ernsthaften Betrug gegenüber den Geschädigten feststellen. Wenn er dies seinem unmittelbarem Chef mitteilt, dieser - drittens - aber nichts dagegen unternimmt, der Mitarbeiter - viertens - auch noch "sicherstellen kann, dass seine Sichtweise der Situation objektiv ist", und - fünftens - die Enthüllung zu einer möglichen Verhaltensänderung führen kann, dann "verpfeift" er möglicherweise seinen eigenen Brötchengeber.

Und riskiert damit seinen Job. "Whistleblower" in Deutschland genießen keinen rechtlichen Schutz und können zudem wegen der Verletzung von Dienstgeheimnissen angezeigt werden. Deshalb hat ein Unternehmen aus Potsdam, die "Business Keeper AG" (www.business-keeper.com), eine Internet-Plattform entwickelt, auf der Informationen anonym hinterlegt werden können. Wolfgang Lindner vom Landeskriminalamt Niedersachsen zeigte sich in einem Deutschlandfunk-Interview vom "Business Keeper Monitoring System" überzeugt: Das Amt bekomme "im Schnitt ein bis zwei Meldungen pro Tag." Allerdings können nur solche Unternehmen "verpfiffen" werden, die sich selbst bei Business Keeper angemeldet haben - was natürlich eine Entscheidung auf deren höchster Führungsebene voraussetzt.
 
Von Carsten Hennig