Wenn sich Mitarbeiter krank zur Arbeit schleppen

Immer mehr Mitarbeiter erscheinen krank am Arbeitsplatz und sorgen damit für Probleme bei Unternehmen. Das ist die bittere Wahrheit hinter dem seit Jahren sinkenden Krankenstand in der Wirtschaft. Zwei Drittel meinen sogar, es drohten schwerwiegende Konsequenzen, würde man sich krankmelden. An diesem Irrglauben tragen Unternehmen bereits schwer, denn die Produktivität ihrer Mitarbeiter ist im Sinkflug.

Viele sitzen am Computer und sind mit ihren Gedanken ganz woanders. Heike S. verzweifelt an der unmittelbar bevorstehenden Präsentation, weil eine Kollegin ihr den erhofften Posten wegschnappte. Heinrich F. nimmt schon seit Wochen Stimmungsaufheller, weil seine Frau ihn von heute auf morgen verließ. Und Manfred U. ist nach einem Zusammenbruch schon wieder im Büro, obwohl der Arzt ihm eigentlich noch eine Woche Bettruhe verordnet hat.

Ein neues Phänomen macht im betrieblichen Alltag von sich reden: Präsentismus. Auf den ersten Blick können sich Vorgesetzte freuen, wenn die Reihen geschlossen sind. Doch gute Chefs bemerken, wenn ihre Mitarbeiter in der Leistung nachlassen. Ihre Aufgabe: schnell eingreifen und das Schlimmste abwenden. Zum Therapeuten eignen sie sich aber nicht.

Studien zufolge übersteigen die Folgekosten des Präsentismus die Kosten, die Unternehmen durch krankgemeldete Mitarbeiter entstehen, um das Zehnfache. Auch volkswirtschaftlich wird Ungeheuerliches angerichtet. "Wir rechnen damit, dass die Konsequenzen des Präsentismus mit zeitlicher Verzögerung ihre volle Wirkung entfalten. Das kann sogar zum vorzeitigen Ableben besonders engagierter Mitarbeiter führen", warnt Michael Bremmer, Geschäftsführer des Bundes Betrieblicher Sozialarbeit in Ludwigshafen.

Um das Schlimmste abzuwenden und dem Problem ohne Zeitverlust an die Wurzel zu gehen, haben einige Unternehmen spezielle Beratungsstellen eingerichtet. Aus den USA und Großbritannien stammt zum Beispiel das "Employee Assistance Program", kurz: EAP. Vor allem deutsche Töchter amerikanischer Firmen nutzen EAP. Ein Dienstleister steht anonym und vertraulich allen Mitarbeitern als erste Anlaufstelle zur Verfügung, um Probleme anzusprechen.

Diesen Ansatz favorisiert auch Familienservice, ein auf Work-Life-Balance spezialisiertes Beratungsunternehmen, das in vielen Großstädten zu finden ist und mit zahlreichen deutschen Firmen zusammenarbeitet. Mitarbeiter können sogar eine Hotline anrufen, die auch nachts und am Wochenende besetzt ist. Für Gisela Erler, Gründerin und Geschäftsführerin des Familienservice, sollte das Beratungsangebot aber nicht allein stehen. "Mitarbeiter, deren Leistungsfähigkeit von Problemen beeinträchtigt wird, die sie lange mit sich herumschleppen, sind auch ein Indiz für kritikwürdige Unternehmenskulturen."

Auch hier lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. Herausgestellt wird oft ein modernes Betriebsklima mit viel Freiraum für die Mitarbeiter. Aber wer beim Verlassen des Büros um halb sechs mit der Frage konfrontiert wird, ob er inzwischen auf Teilzeit umgesattelt habe, wird einen anderen Eindruck gewinnen. "Das Misstrauen gegen jegliche Arbeitsminderung ist sehr ausgeprägt in der Wirtschaft", sagt Erler. Die Schattenseite macht bereits in Japan und England auf sich aufmerksam, wo "Arbeiten bis der Arzt kommt" immer öfter in die Schlagzeilen gerät.

So weit darf es nicht kommen. Vorbildlich zu nennen sind Verantwortliche, die den Präventionsgedanken unterstützen und in die strategische Planung einbinden. Sei es EAP, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Betriebliche Sozialarbeit oder "Lebenslagen-Coaching" - praktische Beispiele für verantwortungsvolle Unternehmensführung gibt es zuhauf. Die Zeit drängt, schließlich zeigen sich die Wirkungen laut Bremmer erst in fünf oder sechs Jahren. "Sich nur am Takt der Finanzzahlen zu orientieren, geht am Problem vorbei. Der Mensch ist anders konstruiert."
 
Von Winfried Gertz