Wenn die Inder kommen

Die deutsche Wirtschaft ist im Globalisierungsrausch. Selbst die Molkerei aus dem Allgäu investiert in China. Vor Ort rekrutierte Fach- und Führungskräfte kommen vorübergehend nach Deutschland, um sich Wissen anzueignen und den Stil ihres Arbeitgebers kennen zu lernen. Doch in unserer Kultur finden viele keinen Halt. Ein chinesisches Sprichwort lautet: Nur wer den anderen und sich selbst kennt, dem ist in 1.000 Begegnungen Erfolg beschieden.

Leider beherzigen deutsche Firmen diese etwa 3.000 Jahre alte Weisheit nicht. Im Umgang mit ihren Kollegen aus fremden Kulturen treten sie allein sachorientiert auf und zeigen sich kulturell desinteressiert. Sylvia Schroll-Machl, Autorin des Buches "Die Deutschen - Wir Deutsche", lässt kein gutes Haar an dieser Praxis. "Wer im Auftrag seiner Firma nach Deutschland kommt, hängt meist in den Seilen."

Interkulturelle Zusammenarbeit auf dem Prüfstand
Die Expertin für interkulturelle Zusammenarbeit und Kommunikation aus Deggendorf beobachtet seit vielen Jahren, wie ungeniert und arrogant Deutsche ihren ausländischen Gästen in der Wirtschaft gegenübertreten. Gezwungen an der Sache zu bleiben, zeigten sie ihren Partnern und Kollegen oft die kalte Schulter. Was hierzulande als zielgerichtet, geschäftlich effizient und vernünftig gilt, komme auf der anderen Seite nur als engstirnig, arrogant und gefühllos an. Kurz: Vertrauen baut man so eben nicht auf.

Ohne Planung läuft in deutschen Betrieben nichts. Für alles und nichts werden Pläne geschmiedet, Verabredungen getroffen, Termine festgelegt. Dieser Machbarkeitswahn ist längst aus der beruflichen Sphäre ins Private vorgedrungen. Spontan läuft nichts, man ist immer in Eile. So knüpft man keine Kontakte, Freunde fürs Leben findet man so nicht.

Ein Inder, der ohne sonderliche Vorbereitung auf solche Menschen trifft, wird sich kaum wohlfühlen. Wieso sind Deutsche so formell, fragt er sich, wieso fällt es ihnen schwer, Freundschaften zu schließen? Wer aus anderen Kulturkreisen kommt, ist mit vielen Dingen des Alltags überfordert. Polizisten nehmen kein Trinkgeld, und im Auto fesselt man seine Kinder auf eigens dafür vorgesehenen Sitzen. Der Kulturschock kommt schneller als gedacht: Während sich seine deutschen Kollegen am langen Wochenende austoben, empfindet der indische Kollege, der womöglich noch nie ein Zimmer allein betreten hat, die freie Zeit wie Isolationsfolter.

Mentoren helfen bei landestypischen Gepflogenheiten
Um solchen Erfahrungen vorzubeugen, empfiehlt Schroll-Machl eine frühzeitige Vorbereitung. Wer nach Deutschland kommt, sollte schon vor der Abreise auf die wesentlichen Unterschiede zu seiner Kultur vorbereitet sein. In interkulturellen Seminaren lerne man kulturelle Standards und die Logik hinter dem Verhalten. Sei der ausländische Kollege schließlich eingetroffen, sollten sich Mentoren um ihn kümmern, am besten jene Kollegen, die sich bereits im Land ihres Gastes aufgehalten hätten und die Gepflogenheiten aus eigener Anschauung kennen.

Eine typisch deutsche Unart sollte man sich laut Schroll-Machl lieber ersparen. Die Aufforderung "Fragen Sie mich, wenn Sie etwas brauchen" widerstrebe dem Verständnis von Höflichkeit vieler Kulturen. In Indien, China oder Brasilien sei man mit Kollegen auch befreundet. Die für Deutsche typische strikte Trennung zwischen Beruf und Privatleben sei für andere undenkbar. Offen aufeinander zugehen, sich interessiert zeigen an der Herkunft des Gastes - so könne man schnell die Herzen gewinnen.
 
Von Max Leonberg