Wenn Mitarbeiter bloggen

Das Bloggen im Internet wird zunehmend beliebter und immer häufiger treten dabei auch Unternehmens-Interna ans Tageslicht, denn Web 2.0 steht vor den Toren der Wirtschaft. Das Personalmanagement ist gut beraten, die neuen Kommunikationskanäle, die das Internet eröffnet, gezielt zu instrumentalisieren statt zu verteufeln.

Personalmanagern stehen die Haare zu Berge, wenn ihnen Josef Buschbacher erzählt, was in seinem Unternehmen passiert. Ohne Erlaubnis der Firmenspitze setzte Buschbacher im letzten Jahr einen Ausbildungsblog auf. Seither tauschen sich Azubis und Ausbilder in diesem Internet-Tagebuch offen aus, und außerhalb des Betriebs kann jeder mitlesen, wie es dort zugeht. Und was entgegnet Buschbacher dem irritierten Publikum auf einschlägigen Foren und Kongressen? "Kritische Aspekte erfahren die Bewerber sowieso, das können und wollen wir nicht verhindern." Der Leiter der kaufmännischen Ausbildung der Festo AG + Co. KG in Esslingen ist aus einem anderem Holz geschnitzt als der durchschnittliche HR-Vertreter. Seine Risikofreude, nicht unbedingt Erkennungszeichen der sich meist mit Verwaltungsaufgaben befassenden Personalverantwortlichen, ist in der Tat beachtlich. Mut, sagte der Schriftsteller Carl Amry, sei die Bugwelle des Erfolgs. Dank Buschbachers Initiative wurde Festo ausgezeichnet als "Ort der Ideen". Nun hängt eine vom ehemaligen Bundespräsident Horst Köhler signierte Urkunde in der Chefetage.

Was stand hinter Buschbachers ungewöhnlicher Strategie? Gewiss keine Überlegungen, die man als abenteuerlich oder weltfremd verwerfen könnte. Denn wie unzählige mittelständische Firmen, die erfolgreich in ihren Märkten sind und bisweilen etwas mitleidsvoll als "Hidden Champions" apostrophiert werden, leidet Festo unter einem erdrückenden Fachkräftemangel. Auch Festo gelingt es kaum, den akademischen Ingenieurnachwuchs zu gewinnen. Daher investiert die Firma erheblich in die Aus- und Weiterbildung. Doch das allein reicht kaum aus. Schließlich versperrt der Mangel an Bekanntheit den Zugang zum Nachwuchs. "Schüler kennen unsere Produkte nicht", sagt der Ausbildungsleiter unverblümt. Deshalb müsse man sich in die Lebenswelt der jungen Generation vortasten, so Buschbacher. "Über unseren Blog können wir viel Aufmerksamkeit schaffen und junge Menschen für Technik und eine Ausbildung bei Festo begeistern." Neben dem PR-Effekt zahlt sich die Initiative auch betriebswirtschaftlich aus. Denn der Ausbildungsblog ersetzt teure Hochglanzbroschüren und manches Inserat, in denen die Firma sich bisher präsentiert hatte.

Dieser Schritt setzt laut Buschbacher aber ein "radikales Umdenken" voraus. Bisher hieß es, der Bewerber möge bitte zum Unternehmen kommen. "Das ist ebenso kontraproduktiv wie die Produktion von Hochglanzbroschüren", sagt Buschbacher. "Das dient nur einem Zweck: Man klopft sich auf die eigene Schulter." Kommunizierten Mitarbeiter aber untereinander und mit Interessenten außerhalb der Firma, "dreht sich der Spieß um." Unter diesen Vorzeichen relativiert Buschbacher auch den Wert von Stellenanzeigen. Wenn sich etwa eine angehende Industriekauffrau im Blog ärgere, dass sie auch verschmutzte Pakete im Wareneingang annehmen müsse, was eigentlich nicht in ihrem Sinne sei, "dann spiegelt das die Realität wider und ist deshalb authentischer als jedes Inserat." Auf jeden Fall hat sich diese Transparenz inzwischen zu einer Erfolgsstory entwickelt. "Die Reaktionen auf unseren Blog sind beeindruckend", freut sich Buschbacher.

Bewerber, die durch den Ausbildungsblog auf Festo aufmerksam werden, schreiben in ihrer Bewerbung, dass sie diese Offenheit begeistert. Der ideale Kandidat bewirbt sich, obwohl im Blog Tacheles geredet wird. Dennoch bleibt Argwohn unter Führungskräften, die nur ungern ihre "Informationsmacht" antasten lassen sowie die vermeintlich tadellosen Broschüren aus der Hand geben wollen. Buschbacher hingegen lässt sich nicht beirren. "Um den Wert solcher einseitigen Firmendarstellungen zu testen, brauchen Interessenten doch nur in Internet-Netzwerken zu ermitteln, wer bereits bei uns gearbeitet hat, und schon haben sie glaubwürdige Informanten."
 
Von Winfried Gertz