Was Mitarbeiter wirklich wollen

In jeder Belegschaft steckt Potenzial. Die meisten Mitarbeiter sind motiviert und wollen dies mit guter Leistung untermauern - sofern sie ernst genommen werden. Mitarbeiterbefragungen geben ihnen ein Forum, ihre Stimme zu erheben. Freilich darf die Kritik nicht im Raum stehen bleiben.

Mitarbeiterumfragen haben Tradition, manche Unternehmen lassen ihre Beschäftigten schon seit den Neunziger Jahren zu Wort kommen. Doch die Umstände, warum man dieses Instrument favorisiert, haben sich geändert. "Zunächst wollte man herausfinden, wie zufrieden Mitarbeiter sind und wie man aus Betroffenen Beteiligte machen kann", blickt Armin Trost zurück. "Heute liegt der Fokus nicht mehr auf Kuschelthemen, sondern auf dem Aspekt Commitment", sagt der Professor für Personalmanagement von der Fachhochschule Furtwangen. Firmen wollten wissen, wie es um die Leistungsbereitschaft von Mitarbeitern bestellt sei und ob sie willens seien, Veränderungen mitzutragen.

Als Folge der Globalisierung bleibt in der deutschen Wirtschaft kein Stein auf dem anderen. Warum es sich gerade in Zeiten des Wandels lohnt, Mitarbeiter zu Wort kommen zu lassen, erläutert Trost an zwei Beispielen. Wollen Firmen sich etwa zu Serviceorganisationen entwickeln, müssen auch Mitarbeiter ihr Verhalten anpassen. "Befragungen versuchen herauszufinden, ob Mitarbeiter wirklich mitziehen und eine Sensibilität für das Thema Service entwickeln." Ein weiterer Anlass für eine Umfrage ist ein geplanter Personalabbau. Trost zufolge würden Mitarbeiter gefragt, "ob sie die Notwendigkeit der Maßnahmen verstehen, inwiefern sie sich davon betroffen fühlen und ob sie darüber hinreichend aufgeklärt werden."

Mitarbeiterbefragungen sind strategisch wertvoll. Laut Trost ist es interessant zu ermitteln, welchen Einfluss Mitarbeiter auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nehmen und welchen Anteil sie an der Produktivität oder der Innovation beanspruchen. Im Trend liegen sogenannte Pulsmesser-Umfragen. Zum Beispiel führt der deutsche Softwareriese SAP solche Studien in kurzen Intervallen durch und beschränkt sich dabei auf Stichproben unter High Potentials. Trost: "Man muss nicht gleich alles an die große Glocke hängen."

Über die Jahre haben sich nicht nur die Inhalte der Mitarbeiterbefragungen geändert. Inzwischen versuchen die Firmen, auch ernsthafter damit umzugehen. Früher führten die Umfragen zu regelrechten Berichtslawinen, in der alles und nichts zur Debatte stand. Oft verschwanden die zum Teil heiklen Ergebnisse in den Schubladen. Das lassen sich Beschäftigte nicht mehr bieten. Durch Mitarbeiterbefragungen kann man ihnen Verantwortung übertragen und sie in zentrale Prozesse einbeziehen. Die konstruktive Kritik von Mitarbeitern muss Folgen haben im Unternehmen.

Freilich könnte die Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Instrument weit größer sein. Ändert sich nur wenig, lässt die Bereitschaft von Mitarbeitern spürbar nach, an den meist jährlichen Umfragen überhaupt noch teilzunehmen. Viele schalten auf Durchzug, die wiederholten Appelle mitzumachen kommen bei ihnen nicht mehr an. Gründe, warum kaum Zählbares herauskommt, gibt es genug. Einen kennt jeder. Trost: "Es ist wie nach einem Arztbesuch. Die guten Vorsätze halten nicht lange vor."
 
Von Winfried Gertz