Was Führungskräfte im Internet preisgeben sollten

Die Kanzlerin macht's, Ex-Siemens-Boss Klaus Kleinfeld und zahlreiche andere Top-Manager tun es ebenfalls. Mit ihren Podcasts und Weblogs surfen Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft vorneweg auf der Internet-Welle. Doch Vorsicht: Wer auf der Karriereleiter noch nicht oben angelangt ist, könnte böse Überraschungen erleben.

Unlängst wurde in den USA einer jungen Lehrerin die Berufsausübung verweigert. Findige Kommissare hatten im Internet ein Foto aufgestöbert, auf dem die Pädagogin verkleidet mit einem Pappbecher in der Hand zu sehen ist. Titel der Abbildung: Betrunkener Pirat. Mit solchen "Referenzen" ist Lehreraspiranten in den USA die Karriere versperrt.

Kein Einzelfall. Wer sich heute für attraktive Fach- und Führungspositionen ins Gespräch bringen will, sollte auf Gesprächspartner vorbereitet sein, die über weit mehr Informationen als die in der herkömmlichen Bewerbungsmappe zusammengefassten Daten verfügen. Sie recherchieren in Online-Tagebüchern, durchstöbern das Web nach MP3-Dateien und beherrschen eingängige Suchmethoden, um in Business-Netzwerken nach trügerischen Hinweisen über verfängliche Vorlieben oder berufliche Fehltritte ihrer Bewerber zu fahnden.

Um es vorwegzunehmen: Gewiss wird in Personalabteilungen nicht alles für bare Münze genommen, was manche Leute dank Web 2.0 an vermeintlich Wissenswertem der Öffentlichkeit preisgeben. Klar ist aber auch: Wer sich als Protagonist der neuen Interaktionsmöglichkeiten weit aus dem Fenster lehnt, muss auch mit der Gefahr böse abzustürzen rechnen. Statt Informationen wie früher üblich auf dem PC zu speichern und es damit bewenden zu lassen, wird heute alles Mögliche, was ein jeder für wichtig hält, sofort online gestellt und in einer Geschwindigkeit um den Globus verbreitet, die für die erste Internetgeneration aussehen muss wie eine Saturn-Rakete neben einem Eselgespann.

Diese Entwicklung hat vielfältige Konsequenzen, zum Beispiel rechtliche. Wie kann ich verhindern, fragen besorgte Menschen, dass im Internet über mich verfügbare Informationen wie etwa zu privaten Anlässen geschossene Fotos nicht in falsche Hände gelangen und mir womöglich die Karriere versperren? Was in Myspace.com, Youtube.com oder Flickr.com zum Zeitpunkt der Veröffentlichung durchaus lustig erscheinen kann, könnte nur wenig später den beruflichen Aufstieg oder das soziale Ansehen des Einzelnen erheblich beeinträchtigen.

Mit diesem Problem befassten sich derzeit unzählige Experten, etwa der in Harvard lehrende Medienrechtler Viktor Mayer-Schönberger. Er plädiert dafür, dass der Einzelne einen Anspruch haben sollte, darauf Einfluss zu nehmen, was über ihn im Netz dauerhaft verfügbar sein darf. Schon heute habe man zwar das Recht, Informationen über sich von Websites entfernen zu lassen, was ja einer besonders findigen Gruppe geschäftsfreudiger Juristen den zweifelhaften Ruf des "Abmahnanwalts" eingebracht hat. Doch Mayer-Schönberger kennt die Grenzen dieser Praxis nur zu gut. Ist ein Foto oder Video erst tausendfach im dezentralen Netz verschickt worden, gerät das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Datensicherheit zur Farce.

Führungskräfte müssen sich damit abfinden: Während das menschliche Gedächtnis vieles vergisst und so zum geistigen Wohlbefinden beiträgt, "erinnert" das Internet sich ewig. Mayer-Schönberger warnt vor "digitalen Zerrbildern", wenn Informationen im Internet aus dem Zusammenhang gerissen würden. Dass jemand mal einen Joint geraucht habe, scheint wichtiger zu sein als die Frage, wie lang das her ist. Künftig wird man sich gegenüber Bankern, Leasingfirmen und Personalern über Jugendsünden und andere Fehltritte rechtfertigen müssen. Dies ist wohl kaum zu verhindern. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Informationen wird also immer wichtiger, ein Restrisiko indes wird stets bleiben.
 
Von Winfried Gertz