Warum uns das Zuhören so schwer fällt

Seit einigen Jahren entdecken Kommunikationswissenschaftler eine "Renaissance des Hörens" in unserer Gesellschaft. Das Zuhören gilt als Schlüsselqualifikation für Beruf und Privatleben, der Hörbuchmarkt erlebt nie geahnte Umsatzsteigerungen, Studien belegen, dass der Mensch mit dem Ohr dreimal mehr Informationen aufnimmt als durch das gelesene Wort.

Trotzdem findet wirkliches Zuhören im Alltag oft nicht statt, oder fristet zumindest ein Schattendasein mit einem schlechten Image. Sätze wie "Du hörst mir ja gar nicht zu", oder "Bei dem rede ich gegen eine Wand" belegen, dass Frust entsteht, wenn wir uns unverstanden fühlen. Denn der Zuhörer ist zu 51% am Gelingen einer guten Kommunikation beteiligt. Das sagt zumindest Prof. Lyman K. Steil, für den das Zuhören ein genauso aktiver Prozess ist wie das Sprechen. Denn echtes Zuhören bedeutet nicht nur die akustische Aufnahme, sondern auch das inhaltliche Begreifen des Gesagten.

Der Kommunikationspsychologe Steil hat ein vierstufiges Modell für den Vorgang des Zuhörens entwickelt: Nach der Wahrnehmung, also dem eigentlichen Hören und dem Begreifen der Körpersprache, folgt die Interpretation des Gehörten und der Abgleich mit eigenen Erfahrungen. Danach erfolgt die Annahme oder Ablehnung und zum Schluss eine Reaktion auf das Gehörte. Diese erfolgt immer, denn selbst nonverbal reagieren wir kommunikativ im Sinne des Sprachforschers Paul Watzlawick, der auch ein Nicht-Verhalten als Reaktion einstuft.

Doch warum hören wir nun so ungern zu? "Weil in unserem egozentrischen Leben Reden das vorrangige Mittel zur Selbstbestätigung geworden ist", meint der Film- und Fernsehregisseur Johannes Fabrick, der etwa zwei Dutzend Filme für das deutsche und österreichische Fernsehen gedreht hat. "Reden gibt uns das Gefühl, etwas zu bewirken, andere zu beeinflussen. Würden wir wirklich zuhören, verschwände unser Ego und übrig bliebe nur schöpferische Intelligenz. Davor fürchten wir uns." Deshalb kommentieren Menschen ständig innerlich die Worte des Gegenübers und hören nur zu, wenn Argumente gegen den Sprecher benötigt werden.

Die Schnelllebigkeit unserer Epoche beeinflusst also auch das Kommunikationsverhalten. Denn in einer von Effizienz geprägten Welt zeigt ein Sprecher Initiative, verkündet Entscheidungen und kann sich selbst darstellen. Zudem bedeutet Redezeit oftmals einen Ausdruck von Macht und Stärke. Zuhören wird dagegen mit Schwäche und Kontrollverlust gleichgesetzt. Besonders aktive und zielstrebige Menschen sind deshalb meist unkonzentrierte und ungenaue Zuhörer.

Nicht zufällig sind die Worte Hören, also Horchen, und Gehorchen miteinander verwandt. Hier zeigt sich vielleicht auch eine versteckte Rebellion gegen überkommene Werte, denn der Begriff "Gehorchen" wurde spätestens in den 1970er-Jahren aus unserem Wortschatz gestrichen.

Ein kleines Rezept für gelungene Kommunikation bietet eine Kurzgeschichte von Leo Tolstoi, in der ein Kaiser vor langer Zeit nach einer Lebensphilosophie sucht und die Frage stellt, wer der wichtigste Mensch sei. Ein Eremit antwortet ihm: "Der wichtigste Mensch ist immer dein Gegenüber." Und das ist wirklich wörtlich zu nehmen, probieren Sie es beim nächsten Supermarkteinkauf im Gespräch mit der Kassiererin aus. Denn beim "neuen" Zuhören kann man das Fremde fremd sein lassen, aber man sollte sich dem Unbekannten ohne Wertung öffnen. Eigentlich ganz einfach, oder?
 
Von Manuel Boecker