Wandel in der Weiterbildung - Arbeitnehmer wollen mehr lernen

Weiterbildung in Deutschland ist einem Wandel unterworfen: Immer weniger Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter zu Fortbildungen, trotz attraktiver Fördermöglichkeiten. Aber der Wunsch nach Weiterbildung hat seitens der Mitarbeiter deutlich zugenommen.

Über ein Drittel der 20- bis 60-jährigen Deutschen denkt verstärkt über eine berufliche Weiterbildung nach, um ihre Beschäftigungschancen nachhaltig zu steigern. In der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren schmiedet sogar knapp die Hälfte der Befragten Fortbildungspläne, hat eine Umfrage von Forsa im Auftrag der Fernschule ILS ergeben. Insbesondere die bereits gut ausgebildeten Arbeitnehmer bemühen sich laut Forsa-Studie um weitere Bildung. Bei den Befragten mit Abitur und Studium sind 64 Prozent der Meinung, dass sich ihre Arbeitsplätze mit kontinuierlicher Weiterbildung sichern lassen. Demgegenüber bejahen nur 40 Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss diese Aussage.

Eine ähnliche Tendenz ist aus der Schweiz zu vernehmen: Eine Umfrage des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung SVEB bestätigt, dass die Unternehmen zurückhaltender bei der Übernahme von Weiterbildungskosten sind. Dafür hat sich der Anteil der Selbstzahlenden erhöht. "Die Leute, die sich anmelden, kommen eher aus eigener Motivation und nicht auf Anregung des Arbeitgebers", sagt Andreas Zellweger von der Akademie St. Gallen. Wie Hans-Peter Hauser von der EB Zürich berichtet, ist in seinem Haus die Nachfrage zwar durch die höhere Zahl an Selbstzahlern etwas angestiegen - von einer Weiterbildungsoffensive im Zusammenhang mit der Kurzarbeit sei jedoch bislang nichts zu spüren.

Unternehmen fürchten die Bürokratie
Aber zurück nach Deutschland. Hier verzeichnen die Weiterbildungsanbieter einen deutlichen Rückgang der Weiterbildungsanmeldungen seitens der Betriebe, wie eine aktuelle Umfrage des BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) ergab. Warum halten sich die Unternehmen so damit zurück, ihre Mitarbeiter weiterzubilden, wenn diese sowieso Leerlaufzeiten haben? Die Kosten sollten eigentlich kein Grund sein: Während der Weiterbildungszeit in Kurzarbeit übernimmt die Bundesagentur für Arbeit die Sozialversicherungsbeiträge der Teilnehmer zu 100 Prozent. Zudem zahlt die BA je nach Art der Qualifizierung, der Betriebsgröße und der Person des Arbeitnehmers bis zu 100 Prozent der Weiterbildungskosten und gibt einen Zuschuss zu Fahrt- und Kinderbetreuungskosten. Wichtige Voraussetzung ist, dass die Qualifizierung eine AZWV-Zertifizierung hat, es sei denn, es geht um eine betriebsinterne Qualifizierung. In diesem Fall genügen ein verbürgter Qualifizierungsplan des Arbeitgebers sowie der Einsatz von internen Mitarbeitern für die Qualifizierung.

Die AZWV-Zertifizierung kann kein Grund sein, weshalb die Weiterbildungsförderung so selten genutzt wird. Denn inzwischen tragen sehr viele berufsbegleitende Weiterbildungen solche Zertifizierungen, auch zahlreiche Fernlehrgänge haben dieses Siegel. Bei der Fernschule ILS sind es rund 60 Kurse. Ingo Karsten, Geschäftsführer der ILS, nennt vier ganz schlichte Gründe für die Zurückhaltung der Arbeitgeber: "Erstens wissen sie nicht, dass Qualifizierungsmaßnahmen gefördert werden und zweitens - falls sie es wissen - ist es ihnen zu viel Aufwand, die benötigten Formulare auszufüllen. Drittens nehmen viele Arbeitgeber die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter nicht wichtig". Als vierten Grund führt er an, dass viele Arbeitgeber befürchten, die Kurzarbeit ende, bevor die Weiterbildungen abgeschlossen seien. "Dabei ist es kein Problem in diesen Fällen aus den Verträgen herauszukommen", erklärt er und weist gleichzeitig darauf hin, dass die Weiterbildungsförderung in Kurzarbeit nur eine von vielen Möglichkeiten darstellt. Es gebe jede Menge Förderprogramme, die in den meisten Fällen sogar besser geeignet seien. Deshalb macht er den Wandel in der Weiterbildung auch nicht an der Kurzarbeit fest, sondern vornehmlich an einer geänderten Einstellung der Arbeitnehmer zur Bildung. Gerade zu Beginn der Wirtschaftskrise, im Sommer 2008, hätte deren Nachfrage nach Fernlehrgängen stark zugenommen. Und: "Während früher auch semi-professionelle Lehrgänge im Fokus der Bildungsteilnehmer standen, sind jetzt die Anmeldungen zu abschlussrelevanten Lehrgängen stark angestiegen", berichtet Ingo Karsten. Das heißt: Die Arbeitnehmer bilden sich gezielt in Fächern weiter, die für ihre Arbeitsplatzsicherung wichtig sind.

30 Aus- und Weiterbildungen bei der HHLA
Aber es gibt auch berichtenswerte Beispiele für Qualifizierungen während Kurzarbeit. Eines davon kommt aus Hamburg. Über 350 Mitarbeiter der Hamburger Hafen und Logistik AG nutzen solche Qualifizierungsangebote - also jeder zehnte der rund 3.500 HHLA-Mitarbeiter am Standort Hamburg. Als offensichtlich war, dass Umschlagsmenge und Transportvolumen im Zuge der Krise zurückgehen und Kurzarbeit angesagt sein würde, hat die HHLA die Qualifizierungen in enger Zusammenarbeit mit Weiterbildungsträgern und der Hamburger Arbeitsagentur gründlich vorbereitet. Es entstanden mehr als 30 Aus- und Weiterbildungen für alle bei der HHLA beschäftigten Berufsgruppen vom Hafenarbeiter bis zur Kauffrau, vom Handwerker bis zur Programmiererin. Die ersten Maßnahmen wurden im Juni 2009 angeboten. Im August starteten beispielsweise 69 Teilnehmer in 18-monatigen Ausbildungsgängen zur Fachkraft für Hafenlogistik sowie zum Fachwirt für Hafenwirtschaft. Die Motive des Logistikunternehmens: die Zukunftssicherung für die Mitarbeiter am Standort Hamburg. Was in Boomzeiten aufgrund des hohen Arbeitsanfalls nicht immer im gewünschten Umfang möglich war, könne nun mit solchen Konzepten nachgeholt werden. "Wir wollen die Krise nutzen, um hinterher im Wettbewerb noch positiver dazustehen, um noch flexibler auf die Herausforderungen unserer Branche antworten zu können", betont HHLA-Personalvorstand Heinz Brandt.

Dennoch: So positiv das Beispiel der HHLA ist, in Hamburg steht das Unternehmen mit seiner Initiative eher alleine da: Von den rund 1.400 Unternehmen, die Kurzarbeit angemeldet haben, führen lediglich 50 Qualifizierungsmaßnahmen durch. In ganz Deutschland ist die Quote noch schlechter: Von derzeit etwa 1,4 Millionen Kurzarbeitern nimmt weniger als ein Prozent an Fortbildungen teil.
 
Von Christiane Siemann