Vorsicht Altersfalle

Viele Firmen nehmen die schleichende Alterung ihrer Belegschaften auf die leichte Schulter. Dabei ist es bereits fünf vor zwölf. Die Gothaer Versicherungen halten dagegen.

"Ältere Mitarbeiter sind nicht häufiger krank als ihre jüngeren Kollegen. Nur wenn sie erkranken, fallen sie länger aus." Thomas Barann, Personalleiter der Gothaer Versicherungen, kämpft gegen Vorurteile, auch in seinem Unternehmen. Doch dabei geht es ihm nicht allein um Parteinahme für die Oldies. Das Problem liegt viel tiefer: Die Belegschaft des Versicherers altert in atemberaubendem Tempo, auch die Führungskräfte sind nicht mehr die jüngsten.

Wenn die Sektkorken knallen
"Heute sieht es noch ganz rosig aus", sagt Barann. "Aber bereits 2014 gehen allein 120 Führungskräfte in Rente. Und Nachwuchs aus dem Goldfischteich ist nirgends zu sehen." Nationale Firma, Versicherung - da winken die High Potentials gelangweilt ab.

Barann gibt Entwarnung: Hätte Gothaer nicht vor vier Jahren ein großes Projekt zum demografischen Wandel gestartet, wäre der Versicherungskonzern unausweichlich mit steigenden Personalkosten und Gesundheitsleistungen sowie einem drohenden Konflikt zwischen den Generationen konfrontiert. "Das Sektkorken-Syndrom nähme Überhand", skizziert Barann die drohende Entwicklung. "Etablierte Mitarbeiter verteidigen ihre Positionen gegen die jungen." Doch wer macht die Arbeit, sobald ganze Abteilungen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, wenn dem Nachwuchs zuvor jegliche Perspektiven genommen werden?

Ende des Generationenkriegs
Nachdem Barann dem Vorstand den Ernst der Lage schilderte, wurden sofort die mittelfristigen Personalplanungen über den Haufen geworfen. Entschieden wurde nicht allein, jedes Jahr weit mehr Hochschulabsolventen einzustellen als ursprünglich beabsichtigt. Um dem unausweichlichen Aderlass im Führungskreis aufzufangen, nahm man sich auch vor, die Frauenquote bis 2016 je nach Ebene auf bis zu 40 Prozent zu erhöhen. Freilich hapert es bei der Umsetzung, wie Barann einräumt. "Frauen haben in Schule und Uni die besseren Noten. Als Bewerber trauen sie sich aber zu wenig zu. Männer hingegen fragen sofort: Wann kann ich endlich die Aufgabe entschlossen anpacken?"

Ebenfalls überdacht wurde der bisher praktizierte Umgang mit Senioren. Schob man sie früher gern noch durch großzügige Vorruhestandsregelungen aufs Altenteil ab, hat Barann inzwischen ein "Senior Expert Modell" eingeführt. Ältere bleiben länger auf der Payroll und übernehmen gezielt Projektverantwortung bei Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf vier Tage die Woche. "Sie glauben gar nicht", sagte Barann auf einem Kongress in München, "wie begeistert die Oldies dieses Angebot annehmen."

Von Winfried Gertz