Von der Mafia lernen heißt Management lernen?

Wenn Helden führen, tun sie dies mit starker Hand und klarem Kopf. Moderner Schnickschnack wie flache Hierarchien, Partizipation oder Konsens interessiert die meisten von ihnen nicht. Sie greifen durch. Und sie faszinieren Manager bis heute - auch wenn es sich um moralfreie Mafiabosse handelt.

Es ist Heldenzeit in der Managementliteratur. Abgeklappert wird alles, was nach Held riecht: Das Alte Testament ("Running with the Giants"), die Alten Griechen ("Das Odysseus-Prinzip"), die Aldi-Brüder ("Management by Heroes"). Weil das Gegenteil eines Paradigmas auch immer gute Marktchancen hat, philosophiert die "Revue für postheroisches Management" über Management nach dem Heldentum und Autorin Christine Novakovic beruhigt: "Wir müssen keine Helden sein". Nicht zuletzt dürfen sich Manager, die weder ein Held noch ein Anti-Held sein wollen, mit "Ordinary Heroes" identifizieren - oder sogar mit Mafiaboss Tony Soprano.

Sopranos als Management-Vorbild
Tony Soprano, Mafia-Boss aus New Jersey, ist Hauptfigur der HBO-Fernsehserie "The Sopranos" - eine Soap, die in den USA die erfolgreichste Kabel-TV-Serie aller Zeiten war und hierzulande vom ZDF im Nachtprogramm versenkt wurde. (Wer das verpasst hat, kann sich die 82 Stunden Mafia-Story in Form von 28 DVDs in der "ultimativen Mafiabox" zugänglich machen.) Und so ist es kein Wunder, dass sich andere Erfolgssucher in den Windschatten hängen, um auch zu profitieren. Mit einem ganz einfachen Rezept: Sie erklären das erfolgreiche Medienprodukt Tony Soprano zu einem erfolgreichen Manager, leiten "Erfolgsrezepte" ab - und verwandeln das Fernsehformat in Führungs-Ratgeber. Die Strategie funktioniert offenbar. Warum?

Tony Soprano muss auf der einen Seite hinterhältige Mitarbeiter, rivalisierende Unternehmen und einen problematischen Senior-Boss in Schach halten und auf der anderen Seite eine Großfamilie mit Pubertäts-, Menopausen-, Demenz- und Drogen-Problemen. Damit geht es dem dicken, kahlköpfigen, aufbrausenden, autoritären, zu Selbstzweifeln und Panikattacken neigenden Tony nicht viel anders als anderen, ganz normalen Managern der modernen Wirtschaftswelt. Chefs wie ihn gibt es überall: Er ist, pardon, ein egozentrisches Arschloch, andererseits aber ein liebevoller Familienvater. Er trifft schnelle und klare Entscheidungen und schiebt seine Unsicherheiten mit Psychopharmaka weg. Er hält sein Team zusammen und schickt Querulanten brutal in die Wüste. Er suggeriert Mitspracherecht und drückt im Zweifelsfall traditionelle Machtstrukturen durch. Er manipuliert, intrigiert, taktiert. Tony Soprano ist kein Sympathieträger, aber eine Identifikationsfigur. Er ist erfolgreich. Ein Held, von dem Manager lernen können?

Reflektieren mit Tony Soprano
Ja - wobei es möglicherweise sinnvoller ist, die Soprano-Ratgeber auszulassen und sich gleich der Serie zu widmen. So können sich Führungskräfte vor dem Fernseher folgende Fragen stellen:

  • Warum fasziniert das Old-School-Boss-Gehabe eines Tony Soprano gerade in einer Zeit, in der Partizipation und Demokratie gepredigt wird?
  • Warum beeindruckt seine Gewalttätigkeit in einer Wirtschaftswelt, in der Faustrecht und Barbarei offiziell keinen Platz haben?
  • Wenn Tonys Wertvorstellungen offensichtlich inakzeptabel sind - welches sind dann "die richtigen" Werte?
  • Und: Ist wirtschaftlicher Erfolg agrave; la Soprano überhaupt möglich bei partizipativer Führung, gerechter Bezahlung, integerem Verhalten?


Die HBO-Macher verstehen sich heldenhaft auf die Kunst der Irritation. Sie regen an zur Reflexion - und das besser als mancher Führungsratgeber, der sich Helden nur als Label aufklebt.
 
Von Anne Jacoby