Von der Harmonie zur Sinfonie: Was Unternehmen von Orchestern lernen können

In der Wirtschaftswelt stehen dem routinierten und teamfähigen Mitarbeiter alle Türen offen. In einem Orchester hingegen kommt man mit diesen Vorzügen nicht weit. Der viermalige Grammy-Gewinner Christian Gansch, Dirigent und Unternehmensberater, berichtet aus zwei grundverschiedenen Welten.

"Die Flöten", sagt ein McKinsey-Berater nach einem Konzert zum Generalmusikdirektor, "hört man nicht. Die wurden von den Bläsern total übertönt." Anscheinend war der Consultant nach einem aufreibenden Tag mit vier Flügen und sechs Beratungsgesprächen noch nicht reif für vollendeten Kunstgenuss: "Also sollte man den Flötisten doch kündigen!"

Gansch hat die Lacher auf seiner Seite, mühelos zieht der Ex-Dirigent sein Publikum in den Bann. Mit seinen Beispielen über die Missverständnisse zwischen Musik und Wirtschaft erntet er breite Zustimmung. Die Personalvorstände, die heute im Münchener Auditorium sitzen, schlagen sich vor Freude auf die Schenkel, so traumhaft sicher nimmt Gansch Selbstverständlichkeiten aus ihrem Umfeld aufs Korn.

Beispielsweise wenn es um die Teamfähigkeit geht. Diese Floskel steht in nahezu jeder Stellenausschreibung, "ein Graus", poltert Gansch. Wenn Unternehmen mit disziplinarischen Maßnahmen gegen "freche" Mitarbeiter vorgingen, die sich nicht der um sich greifenden Harmoniesucht fügen, komme jedem Musiker die Galle hoch. Ganz anders in einem Orchester, das funktioniere nur "im Wechselspiel der Kräfte".

Ein Orchester bestehe aus lauter Individualisten, denen nichts mehr zuwider sei als "verordnete Harmonie", so Gansch. Brillanz entstehe allein durch gegenseitigen Respekt vor dem fachlichen Können des Nachbarn. "Sympathie wird hingegen immer ein Zufall sein." Vollkommene Präzision in der Musik sei Ausdruck handwerklichen Könnens, erstklassiger Technik und eiserner Disziplin nicht nur in der klassischen Musik. Darauf habe der Kunde einfach Anspruch: Schon 1960 musste jedes Bandmitglied des "Godfathers of Soul", James Brown, für jede falsche Note in der Probe 50 und beim Auftritt 100 Dollar in die Kasse einzahlen.

Ein weiterer Lieblings-Skill, den Gansch gern der Lächerlichkeit preisgibt, ist Routine. Viele Unternehmen ziehen Bewerber vor, die Aufgaben dank ihrer Erfahrung gelassen erledigen. Nichts für Gansch: "Ein technisch versierter Musiker ist stinklangweilig." Inspiration und Einfühlungsvermögen entstehe erst aus der Bereitschaft, von Bewährtem Abschied zu nehmen. Denn jeder Auftritt sei anders: "Überzeugende Musiker sind nur zu zehn Prozent routiniert, aber zu 90 Prozent neugierig auf spannende Erfahrungen."

Kein Wunder, dass sich Gansch zum Beispiel über Seminare zur Selbstmotivation köstlich amüsiert: "Für mich herausgeschmissenes Geld." Unternehmen hilft er, von Orchestern zu lernen und so aus dem Trott heraus zu kommen. Obwohl Dutzende Individualisten täglich zig Stunden eng zusammenarbeiten, können Orchestermusiker nicht einfach mal schlecht drauf sein. Wenn Mahler auf dem Programm steht, können sie nicht sagen: "Heute ist mir mehr nach Schubert." Es gibt keine Bürotür, die man hinter sich zumacht.

Wer nimmt den Taktstock in die Hand, wer bringt der Abteilung die Flötentöne bei? Wie eine Sinfonie dank der individuellen Stärken entstehen kann, das können Unternehmen durchaus von Orchestern lernen.
 
Von Josef Bierbrodt