Vom Hänschen zum Hans

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, auch ich nicht, ein Profi in modernen Umgangsformen. Kürzlich war ich auf der Geburtstagsfeier meiner besten Freundin. Dort musste ich erfahren, dass deren Töchter meine Einladung mit einem "Na, hoffentlich kommt die nicht" kommentierten.

Und das kam so: Einige Wochen zuvor hatte ich ein gemeinsames Abendessen mit Mutter und Töchtern. Am Tisch wurde ich Zeuge, wie das Essen im Mund meiner jungen Tischnachbarin verschwand und ungezwungen darin seine Runden drehte. Jedoch fanden sich einige Teile dieser Portion auf dem Teller wieder, da das Mädchen nicht daran dachte, den Mund während des Kauens zu schließen.

Spontan, sozusagen im Affekt, und nicht ahnend, dass ich es mir ab sofort mit dem Mädchen verderben würde, erlaubte ich mir den Hinweis, dass es doch schön wäre, wenn das Essen drin bliebe. Kommentare dieser Art sind bei mir, Mutter von drei halbwüchsigen Kindern, sozusagen Standardkonversation. Bei den beiden Töchtern kann ich vieles als pubertäres Aufbegehren abtun, so nicht bei meinem Sohn. Für den nächsten Restaurantbesuch habe ich mir schon einen Schlapphut, Sonnenbrille und ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Sie irren sich, ich bin es gar nicht" vorbereitet.

Erst die gute Nachricht, das Essen bleibt mittlerweile im Mund, die schlechte Nachricht ist die Handhabung mit Messer und Gabel. Die Gabel hält mein Filius wie ein Handwerker den Hammer und die Grundregel, dass das Essen zum Mund geführt wird, ignoriert er komplett. "Hauptsache ihm schmeckt's und alles andere wird von selber" kann mich seit einigen Tagen nicht mehr beruhigen. Ein Geschäftsessen hat mir sozusagen einen Blick in die Zukunft meines Sohnes gewährt. Obwohl bei allen anwesenden Gästen, die meisten waren hochqualifizierte Führungskräfte, so der eine oder andere Mangel an Tischkultur festzustellen war, ist ein Herr besonders aus dem Rahmen gefallen. Hier war die Gabel/Hammertechnik in Kombination der Schaufeldisziplin anzutreffen. Diese recht ursprüngliche Art der Nahrungsaufnahme hat die Aufmerksamkeit der ganzen Tischgesellschaft erregt und für viel Nasenrümpfen gesorgt. Es war schon fast körperlich zu spüren, wie das Ansehen des Mannes sank. Seitdem herrscht bei uns ein sehr strenges Regiment zu Hause, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.
 
Von Adriane Böhm