Visionen der Arbeitswelt von morgen

Keine Frage, die Arbeitswelt ist mitten im Umbruch. Alte Bindungen lösen sich auf und die Arbeitszeit konkurriert mit Familien- oder Freizeit. Wie wird die Zukunft der Arbeit aussehen? Visionen eines Zukunftsforschers.

Für Pero Micic kommt die Zeit, die Unternehmen mit Zukunftsentwürfen verbringen, viel zu kurz. "Lediglich zwei oder drei Prozent unserer Arbeitszeit", sagt der Vorstand der Future Management Group in Eltville, "verbringen wir damit, über große Weichenstellungen nachzudenken. Dabei sind sie zu etwa 70 Prozent am Unternehmenserfolg beteiligt." Micic berät Firmen in Fragen der Innovation und ist Gründungsmitglied europäischer und amerikanischer Vereinigungen der Zukunftsforschung.

Vollzeitarbeit contra Freelancer
An Zukunftsentwürfen gibt es keinen Mangel. Nicht selten schießen Forscher mit ihren Utopien ins Kraut, bisweilen ist Astrologie Vater der Gedanken und Wunschvorstellungen. Ein Trend lässt sich laut Micic jedoch nicht wegdiskutieren: "Der Mensch wird wieder ausgewildert." Und in der Tat sinken die Zahlen der sozialversicherungspflichtigen Vollerwerbsstellen seit Jahren, eine Entwicklung, die auf absehbare Zeit anhalten wird. "Es wird nie mehr so viele feste Stellen geben wie zuvor", redet der Forscher Klartext.

Konsequenz: Jeder muss mehr Risiken tragen, sich selbst um Aufträge kümmern. Das muss kein zwanghaftes Bemühen sein: Micic erwartet, dass sich zum Beispiel Menschen in höheren Jahren erstmals zu "Alters-Existenzgründungen" durchringen. Sie machen ihr Hobby zum Beruf und zu einem Geschäft. Motto: "Ich arbeite nicht. Ich folge meiner Lust."

Meetings ad
Während die Zahl von Ich-Unternehmern und Existenzgründungen in den nächsten zwanzig Jahren rapide zunehmen wird, verändert sich auch die Arbeitswelt in den Unternehmen. Unter Einsatz der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie gestalten sich Abläufe weitaus flexibler als heute. Viele Aufgaben verlagern sich in den virtuellen Raum. Stichwort Telepräsenz: Der Trend geht laut Micic eindeutig zu De-Materialisierung.

Micic beruft sich dabei auf Untersuchungen des Wuppertaler Instituts, das davon ausgeht, dass Unternehmen künftig nur noch zehn Prozent des aktuellen Energieeinsatzes benötigen, um ihren Aufgaben nachzugehen. Die Videokonferenz wird die oft zermürbenden Meetings ersetzen, die meist nur verschwendete Arbeitszeit sind. Entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung habe laut Micic die Nachwuchsgeneration, die mit digitalen Medien aufgewachsen sei und die virtuelle Arbeitswelt von Grund auf prägen werde.

Deshalb sei es für Unternehmen von großer Bedeutung, die Vertreter der jungen Generation "zu päppeln". Man müsse ihnen immer wieder neue Probezeiten einräumen. Ihnen gehöre die Zukunft, sie würden laut Micic später über unser aller Entwicklung entscheiden. Ein Unternehmen jedoch, warnt Micic, das diese visionäre Aufgabe vernachlässige, "stirbt jeden Tag einen langsamen Tod."
 
Von Max Leonberg