Verwegene Ziele: Warum nicht jeder eine Führungskarriere anstreben sollte

Richard Bauer hatte alles, was einen Sieger auszeichnet: Biss, Disziplin und das "Hoppla, jetzt komm' ich"-Auftreten. Während seine Altersgenossen noch ihren inneren Schweinehund bekämpften, zog er unbeirrt seine Bahn und hakte Meilensteine im Eiltempo ab. Schule, Studium und den Berufseinstieg absolvierte Bauer mit einer Gelassenheit, die beinahe unnatürliche Züge trug. "Aus dem wird mal was", hieß es allenthalben. Die Prognose sollte sich schnell erfüllen.

Zum Manager geboren sind nur wenige Menschen, doch viele geben sich die größte Mühe, irgendwann einmal ganz oben zu sein. Bildung, Ehrgeiz und der unbedingte Wille, Karriere zu machen, treibt ambitionierte Leute an - keine Frage. Täglich zeigt uns eine Arbeitswelt, in der hochqualifizierte Jobs zunehmen und Menschen ohne Hochschulreife mit immer schlechter dotierten Positionen vorlieb nehmen müssen: Belohnt wird allein der Fleißige.

Doch sind die Leistungswilligen auch der Aufgabenvielfalt eines Chefs gewachsen, sind sie wirklich die besseren Vorbilder? Ist der Einser-Abiturient als künftiger ärztlicher Direktor prädestiniert, einfühlsam mit Patienten umzugehen? Trifft das einstige Mathe-Genie als Konzernvorstand womöglich Entscheidungen, die zwar den Controllern und Anteilseignern gefallen, in der Belegschaft aber nur achselzuckend zur Kenntnis genommen werden?

Soziologen der Technischen Universität Darmstadt haben herausgefunden, dass Ehrgeiz allein keine Garantie für den Durchmarsch in die Beletage ist. Entscheidender ist die Herkunft: Auf den Top-Positionen in Wirtschaft und Wissenschaft landet nur, wer in Bildung und Wohlstand aufgewachsen ist und von Haus aus gute Manieren mitbringt. Quintessenz der Studie: In den Schaltzentren der Macht sitzen die Nachkommen des Bürgertums. "Nicht nur die Leistung, auch die Chemie muss stimmen", bringen es die befragten Vorstände auf den Punkt.

Die Ergebnisse überraschen, werfen sie doch ein Schlaglicht auf politische Bemühungen, alle Bildungs- und Aufstiegschancen auch jenen Menschen zu eröffnen, die keinem bürgerlichen Elternhaus entstammen. Denn auch dies lässt sich aus der Studie herauslesen: Wer Selbstbewusstsein und das Wissen um den richtigen Dresscode, wer diesen "Habitus" durch Ehrgeiz kompensieren will, hat einfach schlechtere Karten.

Doch den Kopf braucht deshalb niemand hängen zu lassen, versprechen zumindest einschlägige Schulungsanbieter. Dass unbedingt jeder eine geborene Führungskraft sein sollte, sei auch überhaupt nicht nötig. In diesem Sinne ist Führung ein "Handwerk", es zu beherrschen und anzuwenden könne jeder lernen. Strittige Themen moderieren, unangenehme Nachrichten kommunizieren, Zweifler motivieren und Ehrgeizige bremsen: Alles nur eine Frage der Technik?

Gute Führungskräfte sprechen unsere Gefühle an, sagt der amerikanische Managementberater Daniel Coleman. Sie wecken unsere Leidenschaft und bringen uns dazu, unser Bestes zu geben. Aber die meisten Menschen, die unbedingt Manager werden wollen, stehen sich dabei selbst im Weg. "Derailer" nennen die Berater von Dynamic Dimension International (DDI) die Wurzel des Übels, Charaktereigenschaften wie übertriebenen Ehrgeiz, Gier oder Durchtriebenheit.

Rekrutieren Unternehmen solche Führungskräfte, laufen sie Gefahr, bald vor die Wand zu fahren. Manager, die ihrem Job nicht gewachsen sind oder ihre Aufgabe mit einem Egotrip verwechseln, das belegen Studien, kosten die Wirtschaft ein Vermögen. Deshalb sei es auch bitter nötig, Kandidaten für eine Top-Position möglichst genau unter die Lupe zu nehmen und sich nicht von ihrer gewiss glänzenden Selbstdarstellung blenden zu lassen, empfiehlt DDI. Mit Benimmkursen die fehlende Kinderstube kompensieren zu wollen, dies zumindest bleibt festzuhalten, ist nicht mehr als ein frommer Wunsch.
 
Von Winfried Gertz