Trends 2010 für den Arbeitsmarkt in der Industrie

Die Konjunktur zieht leicht an. Einige Zeichen deuten daraufhin, dass die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften wieder steigt, so VDI und ZVEI. Zudem erlebt der Produktionsstandort Deutschland eine Renaissance, denn Verlagerungen ins Ausland gehen seit drei Jahren drastisch zurück. Rückverlagerung ist im Trend - vor allen Dingen aus Qualitätsgründen.

Die Produktion der deutschen Elektroindustrie wird im nächsten Jahr voraussichtlich um drei bis vier Prozent steigen, nachdem sie im Krisenjahr 2009 um 22 Prozent zurückging. "Die Talsohle ist durchschritten, das Schlimmste liegt hinter uns. Dennoch besteht kein Anlass, schon in Euphorie auszubrechen", meint der Vorsitzende der ZVEI-Geschäftsführung, Dr. Klaus Mittelbach. Immerhin seien die für die Branche treibenden weltweiten Trends nach wie vor intakt: zunehmende Anforderungen an Energieeffizienz, die neue Elektromobilität und ein steigender Bedarf an Infrastrukturausrüstungen und moderner Medizintechnik. Der Bestand an Beschäftigten konnte bislang weitgehend gehalten werden und es gibt zahlreiche offene Stellen. Derzeit werden rund 11.100 Elektroingenieure gesucht, meldet der VDI-Arbeitsmarktmonitor.

Rückgang der Produktionsverlagerungen
Ein weiteres positives Signal kommt aus der Industrie. Seit 2007 ist die Zahl der Produktionsverlagerungen um 40 Prozent zurückgegangen. "Derzeit haben wir das geringste Verlagerungsniveau seit Mitte der 90er Jahre", so Dr. Steffen Kinkel, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), Karlsruhe. Jährlich verlagern noch etwa 1.750 Betriebe Produktionskapazitäten ins Ausland. Von 2004 bis 2006 waren es noch 3.200 Betriebe. Pro Jahr kehren rund 570 Unternehmen wieder zurück. Auf jeden dritten Verlagerer kommt somit heute ein Rückverlagerer, ermittelt eine Studie des Fraunhofer Instituts ISI im Auftrag des VDI, die repräsentative Einblicke in das Verlagerungsverhalten deutscher Betriebe in der Wirtschaftskrise aufzeigt.

"Der Produktionsstandort Deutschland ist derzeit höchst attraktiv", bekräftigt VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs. Die Quote der Produktionsverlagerungen im verarbeitenden Gewerbe beträgt aktuell nur noch neun Prozent. Statt auf günstiges Personal in Niedriglohnländern zu setzen, würden Unternehmen in der Wirtschaftskrise stärker die Vorteile entdecken, die der Standort Deutschland biete. Das Hauptmotiv für die Rückverlagerung sind Qualitätsprobleme am ausländischen Standort (68 Prozent), an zweiter Stelle folgt die Lieferfähigkeit/Flexibilität (43 Prozent), gefolgt von Personalkosten mit 33 Prozent, fast gleichauf mit Transport-/Logistikkosten.

Gute Position im Wettbewerb der Personalkosten
Das Verlagerungsmotiv der hohen Personalkosten in Deutschland habe sich als Bumerang erwiesen. "Unternehmen haben die Lohndynamik in manchen Ländern nicht ausreichend berücksichtigt", begründet Dr. Steffen Kinkel. So gab es in Tschechien, Slowakei, Polen und Ungarn pro Jahr Lohnsteigerungen von 20 bis 30 Prozent. Mittlerweile kommt sogar jede zweite Rückverlagerung aus Osteuropa. Am häufigsten verlagern Betriebe die Produktion nach China (plus 8 Prozent). Jedoch wuchs ebenso der Anteil der Unternehmen, die aus China zurückkamen (plus 14 Prozent). Auch hier sind Qualitätsprobleme sowie steigende Lohnkosten die Hauptmotive der Unternehmen. Die Studie weist nach, dass in fast allen Branchen die Anzahl der Verlagerungen zurückgegangen ist, besonders deutlich aber im Fahrzeugbau (minus 11 Prozent), Maschinenbau (minus 11 Prozent) und in der Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren (minus 10 Prozent). Willi Fuchs: "Die zunehmende Zurückhaltung der Manager, aus Kostengründen die Produktion ihres Unternehmens zu verlegen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass 'Made in Germany' derzeit wieder an Wertschätzung gewinnt."

Baden-Württemberg mit größter Ingenieurlücke
So begrüßenswert diese Entwicklung ist, minimiert sie gleichzeitig nicht das Problem des Personalmangels. Im November 2009 betrug die Ingenieurlücke (Differenz des Fachkräftebedarfs und des Fachkräfteangebots) rund 25.500 Personen und sank damit um nur 0,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Die offenen Stellen lagen im November bei 50.500 und sanken ebenfalls leicht. "Ähnlich wie der Gesamtarbeitsmarkt zeigt sich der Ingenieurarbeitsmarkt zum Ende 2009 robust", kommentiert VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs die neusten VDI/IW-Zahlen. Rund 27.300 Ingenieure waren arbeitslos. 12.163 Ingenieure wurden im Maschinen- und Fahrzeugbau gesucht. Aufgrund des Anstiegs der offenen Stellen (18.400) bei gleichzeitig leicht sinkender Arbeitslosigkeit (6.200) nahm die Lücke im Vormonatsvergleich entgegen dem Trend sogar um 2,3 Prozent zu. Regional betrachtet gab es die größte Ingenieurlücke im November 2009 in Baden-Württemberg. Rund 5.400 Fachkräfte fehlten dort, um alle offenen Stellen zu besetzen. Mehr als 58 Prozent der gesamten Ingenieurlücke entfielen auf die Arbeitsmarktregionen Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Auch wenn im Maschinenbau die Talfahrt der Auftragseingänge gestoppt ist, mag von einer Erholung angesichts der Umsatzrückgänge und der niedrigen Auslastung der Produktionskapazitäten niemand in der Branche reden. "Zuversicht ziehen wir aus der Tatsache, dass namhafte Wirtschaftsindikatoren weltweit eine zyklische Erholung signalisieren", erklärt VDMA-Präsident Manfred Wittenstein. "Und so, wie wir als vom Export abhängige Branche von dem Einbruch der weltweiten Industrieproduktion in besonderer Weise in Mitleidenschaft gezogen wurden, so werden wir von der Erholung besonders profitieren können."

Alle Ressourcen im Inland ausschöpfen
Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) warnt davor, dass das Wirtschaftswachstum künftig hinter den Möglichkeiten zurückbleibe, da Fachkräfte fehlen. Weil Zuwanderung den Mangel nicht beheben könne, müssten alle Ressourcen im Inland ausgeschöpft werden. Denn bis zum Jahr 2030 entstehe trotz Wirtschafts- und Finanzkrise eine Lücke von 5,2 Millionen Arbeitskräften, so die Erhebung "Arbeitslandschaft 2030" von Prognos im Auftrag der vbw. Ziel müsse es nun sein, die Zahl der MINT-Absolventen zu steigern und die Frauenquote in den technischen Studienfächern zu erhöhen. Ein Weg ist die Initiative "Technikum", ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Förderung der Studien- und Berufsorientierung im MINT-Bereich. Dabei stellen Unternehmen Praktikumsplätze zur Verfügung und ermöglichen Einblicke in die berufliche Praxis. Registrierte Betriebe können eine finanzielle Förderung beantragen, die pro Praktikumsplatz mit 350 Euro monatlich gefördert wird. Die Vermittlung von Praktika wird bundesweit durch eine Hotline unterstützt, die auf der Internetpräsenz der Initiative Technikum zu finden ist.

Von Christiane Siemann