Stress in der Krise - Wo er am größten ist

Rund um den Globus nehmen die Anforderungen am Arbeitsplatz zu, mit ihnen steigt auch der Stress. Doch im internationalen Vergleich geht es deutschen Beschäftigten scheinbar gut. Während sie weit hinten landen, stehen Chinesen an erster Stelle.

Die Wirtschaftskrise hinterlässt tiefe Spuren. Um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten, greifen rund 800.000 deutsche Arbeitnehmer regelmäßig zu Aufputschmitteln, ermittelte unlängst die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK). Damit steigt auch ihr Stressempfinden. Laut einer neueren Umfrage von Regus, einem führenden Anbieter von komplett eingerichteten Büros für Geschäftskunden, fühlt sich jeder zweite Arbeitnehmer inzwischen gestresster als vor zwei Jahren.

Kunden machen es Arbeitnehmern schwer
Die Ergebnisse der Regus-Umfrage, an der rund 11.000 berufstätige Personen aus 13 Ländern teilnahmen, lassen eindeutig darauf schließen, dass die Rezession und der dadurch hervorgerufene Druck am Arbeitsplatz das Stressempfinden stark beeinflusst. 35 Prozent der deutschen Arbeitnehmer beklagen die zunehmende Gewinnfixierung ihrer Arbeitgeber, 33 Prozent machen höhere Ansprüche an den Kundenservice fürs gestiegene Stress-Niveau verantwortlich.

Freilich ergeht es deutschen Arbeitnehmern damit noch vergleichsweise gut. Bezogen auf die von der Regus-Studie ermittelten Stresswerte liegt Deutschland auf dem vorletzten Platz. Spitzenreiter sind die Chinesen. Dort sind 86 Prozent der Ansicht, dass der Stress zugenommen habe. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Belgien und Mexiko mit jeweils rund 64 Prozent. Deutschland befindet sich im internationalen Stress-Ranking an vorletzter Stelle vor den Niederlanden (47,3 Prozent).

Wie stark Stress empfunden wird, hängt neben anderen Faktoren auch von der Firmengröße ab. Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern haben damit mehr zu kämpfen als kleinere Betriebe. Auch im Branchenvergleich zeigen sich Unterschiede: Stieg das Stress-Niveau am stärksten im Gesundheitswesen und in der Pharmaindustrie, hielt es sich im Einzelhandel in Grenzen.

Sandwich-Manager stellen sich quer
Regus-Geschäftsführer Michael Barth sieht trotz der aufkeimenden Konjunkturerholung noch keinen Anlass, dass sich das Stressniveau spürbar positiv korrigiert. Damit sei erst in sechs bis zwölf Monaten zu rechnen. Deshalb sei es an der Zeit, gezielt gegen Stress vorzugehen. "Überforderte Mitarbeiter sind ein Problem für Unternehmen: Ihre Produktivität nimmt ab, die Motivation sinkt und das Arbeitsklima leidet. Diese Faktoren beeinflussen den Unternehmenserfolg."

Größte Chancen, den Stress wirksam einzudämmen, habe laut Barth "Work-Life-Balance". Statt Beschäftigte zentral in Büros zusammenzufassen, sollte man ihnen mehr Flexibilität einräumen, etwa durch Einrichtung von Heimarbeitsplätzen und mobilen Büros. Leider versäumt Barth darauf hinzuweisen, dass die Diskussion nicht neu ist. Bereits Ende der Neunziger Jahre versuchte man, Stichwort: Teleworking, Arbeit neu zu organisieren. Der Ansatz scheiterte am großen Widerstand der mittleren Führungsebene. Niemand da, den sie herumkommandieren können. So weit darf es nicht kommen.
 
Von Winfried Gertz