Schweinezyklus

Unternehmen, die um den heiß begehrten Informatik-Nachwuchs buhlen, müssen eine bittere Nachricht verdauen. Wie der Branchenverband Bitkom herausfand, finden viele Jugendliche IT eigentlich cool und könnten sich auch vorstellen, einen IT-Beruf auszuüben. Spätestens in dem Moment, wenn sie sich für eine Berufsausbildung oder ein Studium entscheiden, geben sie der IT jedoch den Laufpass.

"Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil aufzulösen", sagte Albert Einstein einmal. Haben sich Meinungen im Hirn fest eingefräst, ist kaum noch damit zu rechnen, dass sich Menschen eines Besseren belehren lassen. Darunter leidet nun die gesamte IT-Branche. Schon einmal, vor rund zehn Jahren, rief sie die Jugend der Welt auf, in Scharen zur IT überzulaufen. Viele, die dem Lockruf folgten, sahen sich plötzlich mit den Schattenseiten konfrontiert. Als die New-Economy-Blase Anfang des Jahrzehnts platzte, landeten viele hoffnungsvoll in die IT eingestiegene Nachwuchskräfte auf dem Boden der Tatsachen. Die Nachfrage tendierte gegen Null.

Große Hoffnung, tiefe Enttäuschung
Die Enttäuschungen von damals haben tiefe Spuren hinterlassen. Jeder kennt irgendjemanden, der ohne Jobaussichten die Hochschule verließ oder seinen Job verlor, kaum dass er den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. Viele mussten schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass sie mit der Informatik aufs falsche Pferd gesetzt hatten. Und daher ist es nur konsequent, dass Freunde, Bekannte und vor allem Eltern heute ihrem Nachwuchs kaum noch ans Herz legen, Informatik zu studieren, obwohl es an solchen Experten an allen Ecken und Enden fehlt und auch künftig fehlen wird.

Schweinezyklus nennen Experten das Phänomen, wenn aufgrund hoher Nachfrage zum Zeitpunkt X viele ein Studium beginnen, dann aber zum Zeitpunkt Y die Nachfrage einbricht, wenn sie gerade das Examen in der Tasche haben. Also folgern viele daraus, es lieber mit einem anderen Fach zu versuchen. Dieser Befund trifft auf die "Generation Y" ganz besonders zu, wie das Marktforschungsinstitut Forsa im Auftrag von Bitkom unter rund 1000 Jugendlichen im Alter von 14 und 25 Jahren herausfand. Wie keine andere Generation zuvor ist der Nachwuchs mit neuesten IT-Techniken und Internet-Lösungen aufgewachsen und investiert viel Zeit für Gadgets und Kommunikationsformen im Netz.

Gegen die Vorurteile ankämpfen
Doch so selbstverständlich der Umgang mit der Technik für viele auch ist, nur die wenigsten leiten daraus den Wunsch ab, einen entsprechenden Berufsweg einzuschlagen. So geben in der Umfrage knapp 40 Prozent an, ein großes Interesse an einem Beruf zu haben, der im weitesten Sinne mit Informations- und Kommunikationstechnik (ITK) zu tun hat. Allerdings wollen nur 11 Prozent der Abiturienten Informatik, Elektrotechnik oder Mathematik studieren. Wer eine Ausbildung absolvieren möchte, denkt noch weniger daran, es mit der IT zu versuchen.

Höchste Eisenbahn also, gegen diese Misere anzukämpfen. Laut Bitkom ist daher geplant, den Informatikunterricht in allen Bundesländern als Pflichtfach einzuführen. Zudem will man den weiblichen Nachwuchs für sich gewinnen. Lediglich 4 Prozent der Frauen will Informatik studieren, nur 1 Prozent einen entsprechenden Beruf erlernen. Kein Pappenstiel, was sich die Branche als Aufgabe verordnet. Die Vorurteile sitzen tief.
 
Von Josef Bierbrodt