Schön genug?

Kennen Sie Mr. Harding? Mr. Harding war ein schöner Mann. Groß gewachsen, ein markantes, ebenmäßiges Gesicht und dichtes Haar. Mr. Harding wurde "der Römer" genannt. Ein durchaus passender Name, immerhin war er Politiker und zum perfekten Auftritt hätte nur noch die Toga gefehlt. Von 1921 bis 1923 bekleidete Mr. Warren G. Harding das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten und hier sind sich die Historiker einig, er war wohl auch einer der schlechtesten.

Es war durchaus bekannt, dass Mr. Harding völlig unfähig war, aber er hatte einen unschlagbaren Vorteil. Er sah aus wie ein Präsident. Obwohl alle wussten, dass Mr. Harding keine der Talente und Fähigkeiten besaß, die ein Politiker haben musste, um einen Staat zu regieren, wurde er von den Menschen gewählt, nur weil er so aussah, als ob.

Es stellt sich doch die Frage warum?

Ein anderes Beispiel. Für eine Studie wurden in einem Unternehmen zwei neue Mitarbeiter eingestellt. Der eine erschien sowohl zum Vorstellungsgespräch als auch danach in der Arbeit immer korrekt angezogen. Der andere war in Sachen Kleidung nachlässig, teilweise schlampig und unansehnlich. Obwohl beide von Anfang an dieselbe Arbeit gleich gut machten, wurde der schlecht angezogene Mitarbeiter häufiger kritisiert.

In der nächsten Phase machte der ordentliche Typ absichtlich einige gravierende Fehler. Es erfolgte ein freundlicher Hinweis mit der Bitte um mehr Aufmerksamkeit in der Arbeit. Ganz anders erging es seinem "hässlichen" Kollegen, ihm wurde sofort gekündigt. Auf die Frage an den Verantwortlichen, warum er bei demselben Fehlverhalten zweimal anders entschieden hat, war die Antwort sehr verblüffend. Bei dem gut angezogenen Mitarbeiter hatte er von Anfang an einen guten und kompetenten Eindruck und war der Ansicht, dass Fehler jedem mal passieren können.

Einen völlig anderen Eindruck hinterließ sein ungepflegter Kollege. Da war das Gefühl von Anfang an, dass das nichts werden konnte. So nach dem Motto: "Wie der schon aussieht!"

Schönheit ist relativ, aber im Vorteil
Die Wahrheit ist unbequem, besonders, da es politisch so was von unkorrekt ist: Wir geben dem Schönen, wenn auch unbewusst, den Vorzug. Schöne Menschen sind selten klüger als andere, aber sie bekommen mehr Chancen, um sich zu entwickeln - und das erklärt auch, warum sie erfolgreicher werden.

Doch es ist auch eine Wahrheit, dass Schönheit relativ ist. Es geht nicht nur um körperliche Schönheit. Auch gepflegte Kleidung, wie bei dem Beispiel oben, ein ansteckendes Lachen oder ein fröhliches Wesen werden als attraktiv empfunden. Es ist also völlig egal, ob man dem gängigen Schönheitsideal entspricht, wenn die Mitmenschen mit einem Lächeln beschenkt werden.
 
Von Adriane Böhm