Schein und Wirklichkeit

Bei einem Top-Arbeitgeber unterzuschlüpfen ist der Traum jeder karriereorientierten Nachwuchskraft. Das bestätigt eine aktuelle Studie der amerikanischen PR-Agentur Hill & Knowlton, die MBA-Absolventen befragte. Die Schattenseite: Viele Firmen nutzen ihr Prestige aus, um die Gehälter zu drücken. Motto: Wer bei uns einsteigt, kann sich später die Jobs aussuchen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, doch damit kann niemand rechnen. Jahrelang gebüffelt, soziale Kontakte vernachlässigt und dann das: Statt mit einem ordentlichen Gehalt für die selbstauferlegten Strapazen belohnt zu werden, wird man billig abgespeist. Kein Einzelfall, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Einige Unternehmen, von denen Absolventen dank erstklassiger Beliebtheitswerte magisch angezogen werden, zeigen sich bei der Bezahlung geizig. Wer mit einem Gehalt, das weit unter dem Branchenschnitt liegt, ein Problem habe, heißt es dann, könne ja woanders anbandeln.

Mit dem guten Namen bezahlt zu werden, aber faktisch wie ein besserer Praktikant, stellt die Bewerber auf die Nagelprobe. Geht ihr Gerechtigkeitssinn so weit, um sich aus dem Staub zu machen, oder überwiegt doch die Einsicht: Das Spiel mache ich zwei Jahre lang mit, dann bin ich sowieso weg? Umgekehrt müssen sich Arbeitgeber fragen, wie sich ihr Leumund mit solchen Gehaltsdumping-Methoden verträgt. Das könnte sich bitter rächen. Spricht sich diese Praxis herum, ist der Ruf auf lange Sicht ruiniert.

Dass Unternehmen ein gefährliches Spiel spielen, lässt auch die MBA-Studie erahnen. Die stärkste Waffe im "Krieg um Talente" ist danach das Image. Für fast drei Viertel der von Hill & Knowlton befragten 507 MBA-Studenten aus zwölf internationalen Business Schools stellt das Ansehen des Unternehmens ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des künftigen Arbeitgebers dar. Aufstiegschancen, Unternehmenskultur - und natürlich ein attraktives Einkommen sind das Salz in der Suppe.

Wenn sich da mal nicht jemand seinen Magen verdirbt. Leider verwechseln die aufstiegsorientierten Nachwuchskräfte Markenimage und Arbeitgeberimage. Wer glaubt, nur weil die Produkte oder Dienstleistungen der Firma einen guten Klang haben, sei auch im beruflichen Alltag alles im Lot, wird womöglich schnell eine böse Überraschung erleben. Da hilft es auch nicht, wenn Hill & Knowlton von einer neuen Generation von Aufsteigern spricht, die aus den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit ihre Lehren gezogen habe.

Wer Top-Talente gewinnen will, muss auch die geweckten Erwartungen im Berufsalltag einlösen. Sonst wird Vertrauen zerstört, das erst mühsam wieder zurückgewonnen werden muss. Wirtschaftsprüfer, Medienunternehmen, aber auch Personalberatungen und allen voran die chronisch für ihre Ausbeutungsmethoden verrufene Werbebranche scheinen jedoch solche Appelle hartnäckig zu ignorieren. Noch profitieren sie von einem Nachwuchs, der ihnen vieles durchgehen lässt.

Bei allem Prestige: Die Zeiten, als sich die Beziehung zwischen Arbeitgebern und ihren Beschäftigten noch durch Arroganz auf der einen und Unterwürfigkeit auf der anderen Seite auszeichnete, sollten längst vorbei sein. Aber man kann sich auch täuschen. Statt Studenten und Absolventen sollte man künftig eher ehemalige Mitarbeiter befragen. Manche Beliebtheitsskala würde dann vom Kopf auf die Füße gestellt.
 
Von Josef Bierbrodt