Roter Teppich für Rückkehrer

Der Fachkräftemangel zieht weitere Kreise. Zunächst jammern Arbeitgeber, nicht genug Mitarbeiter zu finden. Plötzlich ergreifen sie Initiative und werben zum Beispiel um Ältere, die sie kurz zuvor dutzendweise aufs Abstellgleis geschoben haben. Besonders pfiffige Firmen entdecken ehemalige Mitarbeiter als neue Arbeitskraftreserve.

Überall begegnet man vertrauten Gesichtern. In Bayern werden pensionierte Lehrer in die Klassenzimmer zurückgelotst, und die Rolling Stones gehen erneut auf ihre angeblich endgültig letzte Tournee. Prinzipien hochzuhalten, felsenfest zu Entscheidungen zu stehen, hat an Bedeutung eingebüßt. So sind die Menschen nun mal.

Das Comeback als Erfolgsstrategie feiert auch in der Wirtschaft Triumphe. Dies fand die internationale Personalberatung Robert Half in einer Studie heraus. Gut 80 Prozent der deutschen Firmen würden demnach ehemaligen Mitarbeitern eine zweite Chance geben. Vor allem junge Mitarbeiter, "High Potentials", erklärt Direktor Sven Hennige, wollten zunächst Erfahrungen sammeln, ehe sie sich langfristig an ein Unternehmen binden. Entscheiden sie sich dann bewusst für eine Rückkehr, sei das die beste Voraussetzung für eine langfristige Zusammenarbeit. "Rückkehrer kennen ihr Arbeitsfeld aus unterschiedlichen Perspektiven. Das ist wertvolles Know-how, von dem jeder Arbeitgeber profitiert", sagt Hennige.

Freilich sieht es in der Praxis etwas anders aus. Der betriebliche Alltag ist ein Minenfeld, wer dorthin zurückkehrt, muss auf Attacken aus dem Hinterhalt gefasst sein. "Der hat es wohl nicht gepackt", heißt es über Rückkehrer, die mit Argusaugen beobachtet werden im Kollegenkreis. Bei aller Offenheit, in der man sich zunächst getrennt und nach dem Intermezzo erneut zueinandergefunden hat, geben missgünstige Beobachter den Ton an.

Ins Visier gerät besonders, wer nur kurz von der Fahne ging. Nach nur einem Jahr beim ehemaligen Arbeitgeber wieder anzuklopfen kommt dem Eingeständnis gleich: Diese Karriereetappe war für die Katz. Wer hingegen mehrere Jahre anderswo an seiner Karriere bastelte, wird völlig anders beurteilt. Meist sind die ehemaligen Kollegen auch nicht mehr an Bord, was unliebsame Diskussionen weitestgehend ausschließt.

Auf der sicheren Seite ist, wer den Kontakt zu seinen Ex-Kollegen und Chefs nicht abreißen lässt. Dazu stimulieren vor allem jene Unternehmen, die sich stilvoll von Mitarbeitern trennen. In Exit-Interviews ermitteln sie, warum der Leistungsträger sich neu orientiert - und sorgen gleich vor, dass ein anderer unsicherer Kantonist nicht ebenfalls das Weite sucht. Meist sind Mitarbeiter enttäuscht über eingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten. Kommen atmosphärische Störungen in der Beziehung zum Vorgesetzten hinzu, läuft das Fass irgendwann über.

All das kann man im Nachhinein verbessern, sollte es aber schon vorher bedenken. Denn vor der Frage, ob man gezielt Rückkehrer gewinnt, steht die Aufgabe an, erst gar keinen Frust aufkommen zu lassen. "Mitarbeiterbindung", sagen Personaler durch die Bank, "ist als Thema weit wichtiger, als Fahnenflüchtige für ein Comeback zu gewinnen." Wo niedrige Fluktuation herrscht, wo Mitarbeiter entschlossen im Alltag anpacken und dafür mit Wertschätzung belohnt werden, möchte jeder gern arbeiten. Und das wird Rückkehrern spätestens dann klar, wenn sie auf der Suche nach neuen Erfahrungen und Aufstiegschancen das vertraute Terrain verlassen und unversehens in der betrieblichen Eiszeit landen.
 
Von Winfried Gertz