Renaissance der Erfahrung

Hinfallen und wieder aufstehen: Auch Dieter Reitmeyer gelang ein Comeback. Als er vor zwölf Jahren nach einer Firmenpleite vor einem riesigen Schuldenberg stand, bewies er Steherqualitäten und entwickelte sofort ein neues Unternehmenskonzept. Inzwischen zählt die seinerzeit von ihm gegründete Redi-Group in Langenfeld bei Düsseldorf, ein international operierender Dienstleister für Qualitätsmanagement in der Automobilindustrie, mehr als 1.300 Mitarbeiter in ihren Reihen.

In seinem Buch "Unternimm Dein Leben" erzählt Reitmeyer, wie es ihm erging als strauchelnder Unternehmer und worauf es ankommt, in der Wirtschaft erfolgreich zu sein: An sich zu glauben, wenn andere die Hoffnung aufgeben haben; die Chance zu nutzen, selbst wenn sie kaum fassbar ist. Reitmeyer ist vor allem dankbar, dass er Mitarbeiter finden konnte, die sich engagiert fürs Unternehmen einsetzen, die Loyalität zeigen, auch wenn es mal brenzlig wird. Denen er auch mit Loyalität begegnet, wie eine selten niedrige Fluktuationsquote unter Beweis stellt.

Reitmeyer ist überzeugt, dass der Wirtschaft der größte Wandel noch bevorsteht. Diese müsse sich ständig anpassen an neue Herausforderungen aus der globalisierten Welt. Mit seiner eigenen Firma ist er damit täglich konfrontiert. Unter dem Druck des an Schärfe zunehmenden Wettbewerbs müsse jeder Einzelne im Betrieb gewillt sein, nicht nur sein Bestes zu geben, sondern sich auch, durch stetige Lernbereitschaft, auf die Veränderungen einstellen.

Aufsehen erregt Reitmeyer in jüngster Zeit, weil er anders als die meisten deutschen Betriebe, in denen Mitarbeiter über 50 Jahren kaum noch zu finden sind, gezielt um ältere Beschäftigte wirbt. Zusammen mit Arbeitsagenturen organisiert Reitmeyer Informationsveranstaltungen für arbeitslose Techniker und Ingenieure, die bereits in der Automobilindustrie gearbeitet haben. Die Resonanz übersteigt die Erwartungen: "Der deutsche Arbeitsmarkt hat noch viel Potenzial zu bieten", ist Reitmeyer überzeugt. Es gebe genug hoch motivierte Bewerber mit der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, die ihre Kompetenzen den Marktanforderungen anpassen wollen und genug Flexibilität und Mobilität mitbringen.

Reitmeyer macht aber nicht nur auf den Ingenieurmangel aufmerksam. Mindestens ebenso wichtig ist ihm, auch Taten folgen zu lassen. Der Vordenker stellt viele ältere Menschen ein, die zuvor aufs Abstellgleis geschoben wurden. Anfang 2008 wurde er dafür vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Die Jury beeindruckte, wie Reitmeyer älteren Ingenieuren engagiert bei der Reintegration in den Beruf fördert. Diesem Vorbild sollten auch andere Unternehmen folgen. Niemand darf heute die Augen davor verschließen, dass die deutsche Wirtschaft durch den zunehmenden Fachkräftemangel und den demografischen Wandel in einer Krise steckt. Reitmeyer sieht das Positive: "Ältere stehen vor einem Comeback. Der Wert der Erfahrung wird eine Renaissance erleben."
 
Von Max Leonberg