Rekrutierung in der Finanzkrise

Die Finanzkrise macht sich in den Personalbeständen der Unternehmen bemerkbar. Die ersten Firmen beginnen, die Reihen ihrer Mitarbeiter zu lichten. Bedeutet das, dass sich der Fachkräftemangel abschwächt? "Nein", meinen Arbeitsmarktexperten.

Lediglich in einigen wenigen Branchen sei mit mehr Bewerbern zu rechnen. Die Nachrichten über Personalabbau-Maßnahmen der großen Unternehmen reißen nicht ab: Automobilkonzerne wie BMW, Volkswagen und Daimler verkünden starke Einschnitte bei den Zeitarbeitsstellen. Die gebeutelte Finanzbranche streicht gleich bei den Kernbelegschaften. So will die Schweizer Großbank Credit Suisse weltweit 5.300 Jobs abbauen. Jeder zehnte Mitarbeiter muss gehen. Insgesamt 50.000 Stellen sollen bei der Citigroup wegfallen, darunter sicherlich auch einige in Deutschland.

Sogar in der Finanzkrise bleiben IT-Fachkräfte knapp
Für die Unternehmen, die weiterhin auf Personalsuche sind, sollte das eigentlich heißen: Der vom Fachkräftemangel gebeutelte Arbeitsmarkt entspannt sich und die gesuchten Fach- und Führungskräfte sind künftig leichter zu finden. Oder? "Das ist ganz und gar nicht der Fall", verneint Oliver Vorwick, Geschäftsführer der neam IT-Services GmbH aus Paderborn. "Noch ist keine Änderung auf dem Arbeitsmarkt spürbar." Das IT-Unternehmen, das auch 2009 expandieren will und weitere fünf IT-Berater und Sicherheitsberater benötigt, sucht sowohl in Internet-Stellenmärkten als auch über Zeitungsanzeigen nach neuen Mitarbeitern. Dabei hat die Bewerberanzahl nicht signifikant zugenommen. "Ich glaube vielmehr, dass die Beschäftigten inzwischen weniger wechselbereit sind. Diejenigen, die noch vor einem Jahr nach einer neuen Stelle gesucht haben, bleiben jetzt lieber in ihrem sicheren Job", meint Oliver Vorwick.

Auch das Freiburger Software-Unternehmen Jedox AG ist weiter auf Wachstumskurs. 2008 hat sich die Anzahl der Mitarbeiter von 25 auf 60 erhöht. Und auch für das nächste Jahr plant Vorstand Kristian Raue einen weiteren Ausbau der Belegschaft. Um den Bedarf zu decken, bildet Jedox zunächst selbst in den kaufmännischen Berufen und im Bereich Fachinformatik aus. "Daneben suchen wir aktuell Mitarbeiter für den Bereich Consulting und Vertrieb", ergänzt Raue. Hier sei das Angebot der Mitarbeiter relativ gut. "Unter anderem gibt es Quereinsteiger aus dem Bankenwesen, die Kenntnisse und Interesse im Bereich IT und BWL mitbringen", weiß er. Geht es um hochqualifizierte Programmierer oder Informatiker, so sehe es dagegen kritisch aus. Hier bringe selbst eine intensive Suche mit Anzeigen in Print- und Online-Medien oder über Communities wie Xing zu wenige Bewerber. Und das werde sich durch die Finanzkrise kaum ändern, meint Kristian Raue. Sein Unternehmen ist deshalb dazu übergegangen, seinen Bedarf an Entwicklern in anderen Ländern wie Bosnien und Rumänien zu decken.

Selbst Finanzexperten sind schwer zu finden
Neam und Jedox sind zwei Beispiele aus der IT-Branche - einem Bereich, in dem qualifizierte Mitarbeiter seit Jahren besonders knapp sind. Aber wie sieht es in der Finanzbranche aus, in der derzeit viele Fachleute ihre Stellen verlieren? "Unternehmen können besonders bei Finanz- und Bilanzbuchhaltern im temporären Bereich relativ schnell Fachkräfte einstellen", weiß Sven Hennige, Managing Director Central Europe von Robert Half International. Jedoch brächten die verfügbaren Kandidaten oft nicht die Qualifikationen mit, die gerade nachgefragt werden. Deshalb sein Resümee: "Gute Fachkräfte im Finanz- und Rechnungswesen sind nach wie vor in jedem Unternehmen gefragt und stehen dem Arbeitsmarkt meist - wenn überhaupt - nur sehr kurz zur Verfügung."

Lediglich im Bankenbereich sei es derzeit durchaus möglich, dass weniger bekannte Banken sehr gute Mitarbeiter gewinnen können, die vorher nur zu Top-Arbeitgebern gegangen wären. Aber allgemein gelte, wie auch schon Oliver Vorwick festgestellt hat: "Diejenigen Fach- und Führungskräfte, die im Moment eine feste Stelle haben, werden sich in unsicheren Zeiten nicht bei einem neuen Unternehmen bewerben, sondern warten, bis sich die Situation entspannt hat."

Hidden Champions müssen bekannter werden
Die gestiegene Verunsicherung der Arbeitnehmer hat auch Lothar Schmidt, Geschäftsführer der Personalberatung Dr. Schmidt (&) Partner, erkannt. Bei anhaltend schlechter Konjunktur werde diese unter Umständen dazu führen, dass die Bewerber bei ihren Gehaltsforderungen weniger selbstbewusst auftreten. Eine erfreuliche Entwicklung für Arbeitgeber. "Zudem könnte sich der Fachkräftemangel durchaus etwas entspannen, da Unternehmen Stellen vermehrt intern besetzen werden, um Arbeitsplatzabbau zu vermeiden", meint er. Allerdings blieben andere Aspekte wie der Demografiefaktor und die zu geringe Anzahl an Absolventen in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern bestehen.

Schmidts Meinung nach wird es auf dem Personalmarkt eng bleiben - insbesondere für Mittelständler und Hidden Champions: "Diejenigen Fach- und Führungskräfte, die sich freiwillig für einen Arbeitgeberwechsel entscheiden, werden vor allem auf vermeintlich krisensichere Branchen setzen - etwa die Energiewirtschaft, den öffentlichen Dienst oder die Lebensmittelindustrie. Große Namen werden dabei noch stärker anziehend wirken als ohnehin schon." Sein Fazit: "Für alle anderen Unternehmen wird die Bedeutung einer durchdachten Employer-Branding-Strategie angesichts der Krise eher noch zunehmen."
 
Von Christiane Siemann