Reden ohne Floskeln

"Meine sehr verehrten Damen und Herren ..." - Der Anlass kommt schneller, als man denkt, und allein der Gedanke daran löst bei vielen Menschen Angst aus: eine Rede halten. Dabei muss es noch nicht einmal der Fachvortrag vor dem Expertengremium sein, viel schwieriger ist die kleine Rede des frisch ernannten Abteilungsleiters zum Dienstjubiläum eines Mitarbeiters oder die offizielle Gratulation im Namen aller Kollegen auf der Geburtstagsfeier des Chefs.

Denn hier ist Ihre ganze soziale Kompetenz gefragt. Mit erfrischender Direktheit, Humor und vor allem dem Mut zur Überraschung können Sie diese manchmal quälend langweiligen oder verklemmt pathetischen Angelegenheiten zu einer Sternstunde für sich und Ihre Kollegen machen.

Ratgeber zum Thema gibt es viele, den richtigen zu finden ist schwierig und zeitaufwendig, doch letztendlich verleitet diese Lektüre wieder nur dazu, erprobte Floskeln zu kopieren und peinliche Blicke von denen zu ernten, die dieselbe Anekdote aus dem geheimen Buchtipp abgeschrieben haben.

Redestil kommt nicht von Ratgeberliteratur
Zum Erlernen der klassischen dreiteiligen Vorbereitung einer Rede mit Inventio, verkürzt "Brainstorming", Dispositio, der Gliederung des Materials und der Auswahl des Sprecherstandpunktes und der abschließenden Conclusio ist die Flut der Ratgeber sicherlich unerlässlich, doch einen persönlichen Stil können Sie nur aus sich selber schöpfen.

Ein brauchbares Zitat, das in den meisten der oben erwähnten Büchern zu finden ist, stammt von Marcus Tullius Cicero, dem "Urvater" der Rhetorik: "Reden lernt man durch Reden." Doch da die Anlässe zum Lernen eher rar sind, reicht es erst einmal sich die Fallgruben einer schlechten Rede bewusst zu machen: überflüssige Plattitüden, fremdsprachige Zitate, egozentrische Redner oder verschachtelte Sprachkonstruktionen.

Sagen Sie einfach, was Sie zu sagen haben, und ersparen Sie Ihren Zuhörern altbekannte Floskeln und Umwege. "Dass sie eigentlich keine langen Reden mögen, aber zum heutigen Anlass nicht darum herum kommen," oder "dass sie bestimmt nichts Neues verkünden, wenn sie nun dies und das ansprechen" oder Sie "aus gegebenem Anlass hocherfreut sind die ehrenvolle Aufgabe der Geburtstagsrede zu übernehmen". Diese Einleitungen sind in Wahrheit Bremsen und erzeugen beim Publikum einen Kurzschlafreflex.

Was man vermeiden sollte
Genauso verhält es sich mit lateinischen oder englischen Aussprüchen, die gerne zum Beleg einer intellektuellen Eloquenz bemüht werden, meist jedoch einfach nicht verstanden werden. Der Beweis, dass Sie ein Lexikon besitzen, sagt nichts über Ihre Fähigkeiten als Redner aus.

Von den Zuhörern abgelehnt wird auch der egozentrische Selbstdarsteller. "Als Herr Meier in unsere Firma trat, war ich gerade zum Abteilungsleiter ernannt worden. Lassen Sie mich kurz erzählen, wie meine erste Begegnung mit ihm ..." Nein, bitte nicht, denn im Mittelpunkt des Geschehens steht der Anlass und nicht der Redner.

Bleiben Sie in Ihren Ausführungen interessant, ungewöhnlich, überraschend und trotzdem Sie selber. Hier sind wir mitten in den wirklich brauchbaren Ratschlägen eines Kurt Tucholsky, zusammengefasst in seinem "Ratgeber für einen guten Redner", der zu Letzterem meinte: "Versuche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen." Weitere Tipps des literarischen Alleskönners sind die Anweisungen "Mach nur Hauptsätze" und auch "Tatsachen - oder Appell an das Gefühl". Der wichtigste Ratschlag aber, der auf die übertriebene Länge vieler Reden anspielt, kommt von Otto Brahm und lautet: "Wat jestrichen is, kann nich durchfallen."

Ehrlich währt am längsten
Aber ganz im Ernst, Reden halten ist nicht schwer, wenn die Zeit der Vorbereitung nicht mit unnötiger Zitat- und Einleitungssuche im Internet verschwendet wird. Überlegen Sie, wie eine ehrliche und persönliche Beziehung zum Jubilar erzeugt, heuchelndes Pathos beim Gratulieren vermieden oder ein unerwarteter Blickwinkel auf einen altbekannten Sachverhalt hergestellt werden kann.

Und, wer zum Schluss der Rede auffordert, das Glas zu erheben, sollte bedenken, dass er sich womöglich um seinen Applaus bringt: Denn Trinken und Klatschen lässt sich schwer kombinieren.
 
Von Manuel Boecker