Reden ist Silber, Schreiben ist Gold

Reden, Präsentationen, Vorträge - wer etwas zu sagen hat, möchte, dass seine Zuhörer ihm aufmerksam folgen. Warum sind jedoch viele Veranstaltungen so langweilig, dass das Publikum nur gähnt und das Gesagte nach kurzer Zeit vergessen ist?

Jeder kann gute Reden schreiben - wenn er ein paar Regeln befolgt. Die erste Regel lautet: Es gibt keine Regeln. "Wer sagt denn, dass jede Rede mit dem Satz 'Sehr geehrte Damen und Herren, ich heiße Sie herzlich willkommen' beginnen muss?", meint Kommunikationsberater Jens Kegel. "Nur wer aus dem Gewohnten ausbricht, erzeugt Aufmerksamkeit." Seiner Meinung nach wird das Potenzial, das in Vorträgen steckt, von vielen unterschätzt. "Es gibt kaum ein besseres Mittel für kostenlose Imagebildung", ist der Redecoach überzeugt.

Wie man die Zuhörer in den Bann zieht
Viele tun sich schwer damit, das, was sie sagen möchten, zunächst zu Papier zu bringen. "Das Problem ist, dass die meisten beim Schreiben in Schriftdeutsch verfallen, statt einen Sachverhalt in gesprochener Sprache zu formulieren", so Jens Kegel. Hier kann es helfen, seine Aussagen erst einmal mit einem Diktiergerät aufzunehmen und sie erst dann aufzuschreiben. Ein weiteres Problem, das vor allem deutsche Redner betrifft, ist der Humor. "Humor kommt in deutschen Reden ganz, ganz selten vor", bedauert der Kommunikationsberater. In den angelsächsischen Ländern sei das ganz anders. Wer seine Zuhörer zum Schmunzeln oder Lachen bringt, kann viele Pluspunkte sammeln - und das Gehörte bleibt länger im Gedächtnis.

Für den Langzeiteffekt hilft es auch, Bilder oder Botschaften in den Köpfen der Zuhörer zu verankern. "Eine Information, die an ein Bild gekoppelt wird, merkt man sich dauerhafter als trockene Zahlen und Fakten", so Jens Kegel. Er nennt als Beispiel das zehnjährige Bestehen eines Nationalparks, für dessen Feierlichkeiten er eine Rede geschrieben hat. "Als Metapher habe ich den Struwwelpeter gewählt, bei dem, ähnlich wie im Nationalpark, Wildwuchs herrscht", erzählt der Profi-Redenschreiber. "Nachdem ich einmal diese Metapher gefunden hatte, ging es mit dem Schreiben ganz leicht weiter, weil ich auf dieses Bild aufbauen und es wie einen roten Faden durch die Rede ziehen konnte."

Der Kreative punktet
Ein weiterer Tipp des Coaches: am Ende seiner Rede wieder auf das Thema vom Anfang zurückkommen - dann schließt sich der Kreis, und der Zuhörer kann sich das Gesagte besser merken. "Der letzte Satz ist entscheidend", betont Jens Kegel. "Wer am Ende die Floskel 'Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit' benutzt, verschießt wertvolles Pulver." Kreativität ist also beim Redenschreiben gefragt: Bekanntes neu kombinieren, Perspektiven wechseln, mit Worten spielen. Zur Anregung der Sprachkreativität hilft es, hin und wieder die Bild-Zeitung zu lesen, ebenso wie Krimis, Plakate, Anzeigen und Kinderbücher, die oft vor Wortwitz sprühen. Natürlich soll sich kein Redner bei seinem Auftritt verbiegen. "Eine Rede muss wie ein Maßanzug passen, nur dann hat sie die gewünschte Wirkung", so der Berater. "Außerdem ist man viel selbstsicherer, wenn man sich mit dem Gesagten identifizieren kann."
 
Von Sabine Olschner