Recruiting in China - Lauter Fallen

Das Reich der Mitte lockt deutsche Investoren in Scharen an. In vielerlei Hinsicht verhalten sich deutsche Firmen vorbildlich. Nur bei der Personalsuche unterlaufen ihnen dumme Fehler. Das muss nicht sein.

Sechs Millionen Chinesen verlassen jährlich die Hochschulen, allein 750.000 Absolventen haben ein Ingenieurdiplom in der Tasche. Solche Kandidaten werden in ihrem Heimatland von ausländischen Firmen heftig umgarnt: mit dem Flair einer internationalen Unternehmung etwa und nicht zuletzt mit einem für chinesische Verhältnisse erstklassigen Gehalt inklusive allem Schnickschnack wie Boni, Firmenwagen und Urlaubsgeld.

Kulturelle Unterschiede erschweren die richtige Auswahl
Doch bei der Auswahl von Kandidaten unterlaufen deutschen Recruitern denkwürdige Fehler. Für relativ viel Geld erhalten sie "unbrauchbare" Mitarbeiter. Würden sie sich besser vorbereiten auf die Personalwerbung, könnte ihnen manche unangenehme und teure Überraschung erspart bleiben. Was deutsche Unternehmen von ihren neuen Mitarbeitern erwarten, ist schlicht irreal, warnen Kenner der Szene.

Fünf Fehler hat die chinesische Expertin für Personalmarketing, Fang Han, bei ihren Untersuchungen immer wieder entdeckt. Oft fallen die Verantwortlichen deutscher Firmen demnach auf das ausgezeichnete Englisch von chinesischen Bewerbern herein. Das blendet sie so, dass andere Kompetenzen einfach ignoriert werden. "Gut Englisch zu sprechen heißt keineswegs, dass der Bewerber die ziel- und lösungsorientierte Kultur des Westens verinnerlicht hat. Er weiß nur, was gut für die eigene Karriere ist", erklärt Fang Han.

Eine ebenso große Falle stellen offensichtlich chinesische Lebensläufe dar. Anders als in Deutschland gilt in China die Devise, möglichst viele Joberfahrungen in kurzer Zeit zu sammeln. Dieses Job-Hopping gilt vielen Recruitern schon als K.-O.-Kriterium. Doch qualifizierte Bewerber allein deshalb aus dem Rennen zu nehmen, warnt Fang Han, sei womöglich ein schwerer Fehler.

Gehalt als leidiges Thema
Damit nicht genug. Häufig schätzen deutsche Firmen auch die chinesischen Abschlüsse falsch ein. Laut Fang Han zielt das Studium in China in der Regel weniger auf die Förderung des eigenständigen und problemorientierten Denkens, sondern sei eine bloße Fleißaufgabe. "Wer einen Topabschluss aufweist, ist fleißig - aber nicht unbedingt für den Berufsalltag geeignet." Zudem legen Firmen in Bewerberinterviews die gleichen Maßstäbe an wie in Deutschland und versäumen, die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Kandidaten in Tests zu ermitteln.

Auch bei den Gehaltsverhandlungen erleben deutsche Recruiter manche Überraschung, etwa wenn sich chinesische Bewerber hartnäckig weigern, eine Hausnummer zu nennen. In China wird einfach vorausgesetzt, dass Firmen wissen, was üblicherweise gezahlt wird. Also versuchen sich die Firmenvertreter aus der Affäre zu ziehen, indem sie Ober- und Untergrenzen fürs Gehalt benennen. Auch das ist falsch. Für Chinesen ist die Gehaltsentwicklung entscheidend. Der Einstieg dürfe durchaus auf niedrigem Niveau ausfallen, sagt Fang Han. Nur sollte von vornherein eine klare Steigerungslinie offeriert werden, nicht zuletzt, um die neuen Mitarbeiter möglichst lang ans Unternehmen zu binden.
 
Von Winfried Gertz