Quereinsteiger - Schräge Typen

Quereinsteiger werden in der Wirtschaft schief angeguckt. Dabei könnten Unternehmen von den Erfahrungen, die Bewerber aus anderen Branchen mitbringen, eigentlich nur profitieren. Denn die qualifizierten Typen mit der schrägen Note bringen frischen Wind in verstaubte Konventionen. Es gibt gute Gründe, das Brett vorm Kopf abzulegen.

Thomas Beul ist gelernter Maschinenbauingenieur und präsentiert eine lupenreine Vita in der Druckluftbranche. Heute ist der Business Development Manager in Bologna, morgen in Stockholm, um Kunden zu betreuen und Vertriebspartner zu schulen. Beul weiß, dank seines Profils stünden ihm viele Türen offen. Noch zaudert er.

Anomalie Quereinstieg
Solche Kandidaten müssten Personaler eigentlich im Sturm erobern. Freilich finden Firmen und Spezialisten wie Beul selten zueinander. Kurios: Arbeitgeber klagen über fehlende Fachkräfte, während die Kandidaten einfach nicht aus dem gemachten Nest springen wollen. Die Chancen für einen Quereinstieg waren lange nicht so gut. Tatsächlich können sich viele Personalverantwortliche mit Quereinsteigern aber nicht anfreunden.

Ein typisch deutsches Phänomen. Im angelsächsischen Raum ist es nicht ungewöhnlich, etwa mit einem Studium der Kunstgeschichte ins Management aufzusteigen. Deutsche Firmen hingegen misstrauen oft jeglicher Abweichung von der Norm. Der Informatiker als Eventmanager, der Theologe als Marketingleiter - welch absurde Idee!

Eine Umfrage der Personalberatung Personal Total dokumentiert dies in aller Deutlichkeit. Nur in 180 von rund 30.000 untersuchten Stellenanzeigen für Fach- und Führungskräfte wurden Quereinsteiger konkret aufgefordert, sich zu bewerben. Auch wenn der zunehmende Fachkräfteengpass Personaler mittelfristig zur Einsicht bewegen dürfte - die Bilanz ist einfach peinlich. Gut, dass es Ausnahmen gibt. Schon heute werden Quereinsteiger vor allem von Dienstleistern mit offenen Armen empfangen. Berater mit Stallgeruch, denen die geschäftlichen Abläufe der jeweiligen Branchen vertraut sind, werden mit Kusshand genommen.

Wie Quereinsteiger punkten können
Grund für die in Deutschland verbreitete Aversion gegenüber Quereinsteigern sind vor allem die Kosten. Unternehmen wollen niemanden einarbeiten, sagen Personalberater. Die Chefetage erwartet, dass offene Positionen schnell von perfekt passenden Typen besetzt werden. Dennoch bleibt die Tür für Quereinsteiger einen Spalt offen. Vorausgesetzt, man hat sich perfekt vorbereitet. Gute Karten hat, wer selbstbewusst auftritt - schließlich suchen die Firmen Macher. Eine weitere Trumpfkarte zieht aus der Tasche, wer seinen Nutzen fürs Unternehmen auf einen Schlag offenbaren kann. Wie der Sozialwissenschaftler, der als Event-Manager nicht nur ein stimmiges Messekonzept entwickelt, sondern auch die Ärmel hochkrempelt beim Standaufbau.

Wer mit solchen Talenten auftrumpfen kann, sollte eigentlich die größten Skeptiker für sich gewinnen. Dennoch bleiben Personaler unkalkulierbar. Anders als vielfach angenommen gibt es keine objektive Personalauswahl, verraten Headhunter. Einserkandidat sucht Einserkandidat, der Schräge neigt zum Schrägen. Ist der Personaler selbst Quereinsteiger, gibt er grünes Licht. Auf dieses Glückspiel will sich Thomas Beul nicht einlassen: Die Idee, es vielleicht einmal in einer anderen Branche zu versuchen, schlägt er sich schnell aus dem Kopf.
 
Von Josef Bierbrodt