Qualifikation von Zeitarbeitern steigt

Um ihren Ruf ist die Zeitarbeit nicht zu beneiden. Zeitarbeit sei rücksichtslose Ausbeutung von Arbeitskraft, und der Zeitarbeiter nur ein Mitarbeiter zweiter Klasse. Die Realität sieht oft anders aus. Zeitarbeit ist ein wahrer Jobmotor, von dem inzwischen auch Akademiker profitieren.

Auftragsspitzen abfangen, flexibel sein - fragt man Personaler, warum sie auf Zeitarbeit schwören, werden seit Jahren dieselben Argumente genannt. Dank "gewerblicher Arbeitnehmerüberlassung", wie die Zeitarbeit offiziell genannt wird, können Eisfabrikanten im Sommer ihre Kunden verwöhnen und Bauprojekte zügig abgewickelt werden.

Die Branche boomt: Wurden 2002 laut Arbeitsagentur noch 320.000 Leihkräfte angeheuert, sind es heute etwa doppelt so viele. In wenigen Jahren explodierte der Markt, nach Angaben des Bundesverbands Zeitarbeit betreiben Personalleasingfirmen heute mehr als 8.000 Filialen in Deutschland. Auf jedem dritten Firmenschild stehen die Namen Adecco, Manpower, Persona Service und Randstad.

Freilich ist Zeitarbeit noch immer kein Zuckerschlecken für die meisten Arbeitnehmer. Anders als ihre festangestellten Kollegen in den Betrieben, die zusätzlich Leiharbeiter einsetzen, müssen sie bei niedrigeren Löhnen häufig Ortswechsel und Schichtdienste in Kauf nehmen. Dass man nie weiß, wie lang der Einsatz dauert, wirkt auch nicht gerade beruhigend.

Doch das traditionell von Hilfskräften geprägte Bild der Zeitarbeit ist nur eine, wenn auch wichtige Facette. Mehr denn je rückt die Zeitarbeit nun auch für höher qualifizierte Aufgaben in den Blickpunkt. Als der Computerhersteller Dell 2005 binnen kürzester Zeit seine Stammbelegschaft am neuen Standort Halle in Sachsen rekrutieren musste, ließ sich Personalleiter Thomas Tesch von einer Zeitarbeitsfirma unterstützen. "Jeder Zweite der von der Zeitarbeitsfirma ausgewählten Kandidaten wurde eingestellt."

In dem auf ein Jahr terminierten Projekt stellte Dell mit tatkräftiger Unterstützung seines Zeitarbeitspartners 350 Mitarbeiter ein. Darunter sind viele IT-Spezialisten, die Geschäftskunden von Dell qualifiziert am Telefon beraten oder als Techniker mit ausgeprägtem Hardware-Verständnis vor Ort komplexe Installations- und Wartungsarbeiten vornehmen. "Irgendwelche umgeschulten Seiteneinsteiger kann man nicht mit Kunden wie der Deutschen Bank konfrontieren", sagt Tesch.

Doch nicht nur Techniker kommen in der Zeitarbeit zum Zuge. Sieben Prozent der aktuell beschäftigten Leihkräfte sind sogar Akademiker, beobachtet die Arbeitsagentur. Darunter sind viele Ingenieure oder Informatiker, typische Vertreter des viel beschworenen Fachkräftemangels. Wie sehr sie gefragt sind, zeigt die Adecco-Tochter DIS. Sie unterhält sogar einen eigenen IT-Kompetenzbereich und bildet praktisch veranlagte Studienabbrecher an deutschen Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien zum MBA aus.

Ingenieure von der Zeitarbeit stopfen in der Automobilindustrie, wo der Fachkräftemangel besonders eklatant ist, eine schmerzliche Lücke. Auch der Automobilzulieferer Webasto aus Stockdorf bei München rekrutiert Ingenieure für zeitlich befristete Einsätze. Beim Weltmarktführer für Dachsysteme bedienen sie Anlagen, die selten genutzt werden, oder sind für Testläufe im Vorfeld der Fertigung verantwortlich. "Für solche Aufgaben können wir schlicht niemanden intern einsetzen", sagt Webasto-Personalleiter Peter Jaksch. Für ihn ist Zeitarbeit längst kein Begriff mehr aus der düsteren Arbeitswelt.
 
Von Winfried Gertz