Perspektiven - Karriere oder Karrieren?

Im Unterschied zu Ingenieuren wissen Betriebswirte meist schon an der Uni, wohin die berufliche Reise gehen soll: Fast alle wollen Chef werden, "Karriere" bedeutet automatisch Führungskarriere. Und bei den Ingenieuren? Nur eine Minderheit von ihnen strebt die klassische Führungsverantwortung an, der Drang zum Chefsein liegt nicht im Fach begründet. Damit liegen Ingenieure eigentlich im Trend. Es ist heute weniger einfach und wahrscheinlich als noch vor wenigen Jahrzehnten, Führungskarriere zu machen.

Seit den 80er Jahren haben flacher werdende Hierarchien etwa 30% der Führungspositionen in Deutschland überflüssig gemacht, schätzt die Management-Beratung Kienbaum. Andererseits sind die Ansprüche an Führungskräfte massiv gestiegen: Als normale Führungsspanne (Zahl der Mitarbeiter) auf der unteren Führungsebene galten früher acht Mitarbeiter, heute sind es zehn bis 15. Zudem müssen Führungskräfte den permanenten Wandel in der Hochgeschwindigkeitswirtschaft aktiv gestalten und dabei ihre Mitarbeiter mitnehmen. Das führt häufig zum Dauerspagat zwischen den sich widersprechenden Anforderungen des Managements und denen der Mitarbeiter sowie zu extremen Belastungen.

Die Folge: Führung ist kein Nebenjob für die beste Fachkraft mehr, sondern ein eigener Beruf. Nur die wenigsten können führen, längst nicht alle möchten führen. Lieben Sie als Ingenieur Ihr Fach? Wenn Sie Führungskraft werden, müssen Sie dieser Liebe zum Teil entsagen, denn plötzlich stehen Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen und andere fachfremde Dinge auf dem Jobplan. Gerade für Ingenieure sind daher Fachkarrieren besonders interessant. Das sind Laufbahnen, die gehaltlich attraktiv sind und zudem langfristige Entwicklungsmöglichkeiten sowie einen gehobenen Status im Unternehmen bieten - auch ohne Führungsverantwortung. Seit 2000 führen immer mehr Arbeitgeber solche Karrieremodelle ein. Sie existieren z.B. schon bei Continental und E.ON Energie, die Deutsche Telekom plant für 2007 ein konzernweites Modell. Diese Unternehmen haben erkannt, dass alternative Karrierewege zu einem attraktiven Angebot als Arbeitgeber einfach dazugehören und sie auf Dauer nur so wertvolles Know-how auf dem Arbeitsmarkt für sich gewinnen und an sich binden können. Derzeit bietet etwa die Hälfte der DAX-30-Unternehmen einen solchen Karriereweg an, auch der Mittelstand zieht nach. Andererseits heißt das auch, dass längst noch nicht alle Arbeitgeber die Karriere ohne Führung ermöglichen. Was bedeutet das für Sie? Falls Sie noch nicht auf die Führungskarriere festgelegt sind: Fragen Sie nach Karriereoptionen auch ohne Führungsverantwortung, bevor Sie Ihre nächste Position antreten. Es geht darum, welche Perspektiven Ihnen der nächste Arbeitgeber bieten kann, also um Ihre eigene Zukunft.
 
Von Manfred Böcker