Personalreferenten sind auch nur Menschen

Die meisten Bewerber, darunter viele Hochschulabsolventen, haben nur unklare Vorstellungen darüber, was dort passiert, wo ihre Bewerbung (egal, ob online oder offline) landet. Der größte Irrtum besteht dabei darin, das unerfreuliche Ergebnis - die Absage(n) - zum Anlass zu nehmen, die ursprünglich verschickten Unterlagen im Nachhinein zum Gegenstand tiefgründiger Deutungsversuche zu erheben, nicht selten in geradezu psychoanalytischer Manier und selbsttherapeutischer Absicht.

Bewerberbedingte Absagen
Dort, wo das Notenbild vom Abitur über das Vordiplom bis hin zum Diplom erkennbar zu wünschen übrig lässt, liegen die Ursachen auf der Hand. Hier hilft der selbstreflexive Ansatz - zumindest kurzfristig - überhaupt nicht weiter, weil es sich nicht um ein Problem handelt, dem gerade jetzt mit Mitteln verspäteter Selbsterkenntnis über die blinden Flecken der eigenen Leistung beizukommen wäre. Im Gegenteil: allzu viel Tiefgründigkeit ist in dieser Situation eher schädlich, weil der dadurch ausgelöste Strudel von Zweifel und Resignation der Sache nicht dient, sondern schadet. Ein pragmatisches Vorgehen, etwa die Konzentration auf Berufsfelder (z. B. Vertrieb), in denen man nicht in erster Linie nach dem Notenbild beurteilt wird, sondern auch andere Fähigkeiten eine Rolle spielen, ist hier allemal vorzuziehen.

Auch in jenen Fällen, in denen die Bewerbung nicht an den einigermaßen passablen Noten gescheitert sein kann, einem aber auf den ersten Blick grobe Unzulänglichkeiten und Schlampereien auffallen, ist die nachträgliche Bezugnahme auf tiefenpsychologische Erklärungsansätze abwegig. Ein Drittel der hierfür jetzt verausgabten intellektuellen und psychischen Energie hätte vorher völlig ausgereicht, um die Absage(n) zu vermeiden, zumal es nur darum gegangen wäre, eine durchaus anspruchsvolle, in letzter Instanz aber eben doch handwerkliche Arbeit einigermaßen ordentlich auszuführen. Also bitte noch einmal, und sei es mit Unterstützung eines professionellen Bewerbungsberaters.

Organisationsbedingte Absagen
Nicht zu bestreiten ist aber auch, dass Bewerber mit guten Noten und sorgfältig aufbereiteten Unterlagen Absagen kassieren. Und gerade diese Gruppe - und hier kann man es verstehen - neigt besonders stark dazu, sich ab einem bestimmten Punkt mit der Frage zu quälen: Woran, um Himmels willen, liegt das? Warum werde ich nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen? Was hab ich falsch gemacht?

Liebe Bewerber, keine Bange. Es liegt nicht an Euch und Euren Bewerbungen, sondern möglicherweise nur daran, dass die mit der Auswahl befassten Personalreferenten so gut mit Bewerbungen versorgt waren, dass sie den Rest des Stapels - wofür man Verständnis haben muss - bloß noch entsorgen wollten.

Vor allem die bekannten Großunternehmen, die jeder kennt, sind Monat für Monat mit mehreren Tausend Bewerbungen konfrontiert, deren sorgfältige Bearbeitung in organisatorischer und mentaler Hinsicht eine erhebliche Belastung darstellt, erst recht heute, wo die Personalabteilungen mit immer kleiner werdenden personellen Kapazitäten immer mehr leisten sollen.

Personalreferenten sind auch nur Menschen
Hat man als Personalreferent einen Arbeitstag vor sich, ich weiß es aus sicherer Quelle, von dem man weiß, dass man im wesentlichen nichts anderes tun wird, als die seit einer Woche aufgelaufenen Bewerbungen zu sichten, geht man nicht unbedingt euphorisch zur Arbeit. In den ersten Stunden des Tages ist man noch konzentriert bei der Sache, schaut einigermaßen genau hin und trifft durchdachte Entscheidungen.

Unglücklicherweise ist die Geschwindigkeit, mit der die Stapel abnehmen, aber nicht so groß, wie man es gerne hätte. Kein Personalreferent kann und wird es je öffentlich zugeben, aber wahr ist: ab einem bestimmten Punkt will man nur noch fertig werden. Diese gottverdammten Stapel müssen jetzt weg, schon morgen kommen neue Bewerbungen, und sicher wieder stoßweise. Wohin soll das führen? Ins Messie-Syndrom? Herrgott, wenn man jetzt nicht durchstartet, dann gerät erst der Schreibtisch, dann das Leben aus den Fugen. Wann merkt der Chef, dass man nicht hinterherkommt. Entropie, Entropie - und ausgerechnet im eigenen Büro nimmt sie ihren Anfang. Nein, nein, nein, das darf nicht sein. Also Tempo jetzt, zumal man für heute doch schon eine ausreichend große Zahl von Bewerbern identifiziert hat, die man zum Bewerbungsgespräch einladen wird.

Ich ahne, dass viele Leser jetzt ein wenig verstimmt sein werden, und zwar umso mehr, je größer ihre Illusionen über die Macht, die Raffinesse und die Überlegenheit der Personalabteilung ausgeprägt sind. Liebe Leute, jetzt kommt mal runter. Dort sitzen keine Halbgötter und vieles wird notgedrungen mit ziemlich heißer Nadel gestrickt. Bewerbervorauswahl: gerade mit Blick auf Hochschulabsolventen handelt es sich vielerorts um das Umgraben riesiger Äcker. Ohne den gelegentlichen Einsatz des Schaufelbaggers ist das nicht zu leisten und Bewerber, die erwarten, dass diese Arbeit an jedem Tag und in jedem einzelnen Fall mit dem Teelöffel verrichtet wird, haben im Übergang vom Studium in den Beruf noch einige Überraschungen vor sich.

Versorgung und Entsorgung
Aus der Sicht einer Personalabteilung sind Bewerbungen geschäftsübliche Normalvorgänge, die im Rahmen standardisierter Routinen und Prozesse - mit dem Ziel einen definierten Bedarf kostenoptimal abzudecken - abgearbeitet werden. Die natürliche Bestimmung eines solchen Vorgangs ist dabei a) die Personalakte des neuen Mitarbeiters oder b) in allen anderen Fällen der Erledigung die Ablage (nach innen) bzw. die Absage (nach außen). Die mengenmäßige Versorgung mit Bewerbungen und die mengenmäßige Entsorgung von Bewerbungen sind deshalb unauflöslich miteinander verknüpft. Je größer die Zahl der Bewerbungen, desto größer auch die Zahl der Absagen.

Auch gute Bewerber erhalten Absagen, erst recht dort, wo die einzelne Bewerbung aufgrund der gewaltigen Zahl von Bewerbungen, statistisch gesehen, kaum ins Gewicht fällt. Das ist aufgrund der beschriebenen, organisationsbedingten Faktoren und Umstände, völlig normal und kein Grund zur Besorgnis. Also nicht den Kopf hängen lassen, sondern munter weiterbewerben: in größerer Breite und vor allem unter Berücksichtigung von kleineren (eher unbekannten) Unternehmen, die man vielleicht erst suchen muss, bei denen man aber schon als Bewerber einer persönlichen Wertschätzung begegnet, die einem als Mitarbeiter erst recht gefallen wird.