Personalleasing - Zeitarbeit als Theaterstück

Beschäftigungskonzept der Zukunft oder modernes Sklaventum: Zeitarbeit polarisiert die Gesellschaft. Fernab der täglichen Kurznachrichten und den ermüdenden medialen Wortgefechten zwischen Politik- und Gewerkschaftsbossen hat das Stadttheater Ingolstadt den Diskurs über das Für und Wider der Leiharbeit nun auf die Bühne gebracht. Das Theater stellt dabei in den Mittelpunkt, was gerne hinter Zahlen und Statistiken vergessen wird: den einzelnen Menschen.

Fakt ist, dass Leiharbeit seit Einführung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes im Jahre 1972 stetig gewachsen ist. Seit den Hartz-III-Gesetzen 2004 boomt die Branche heute mit über 700.000 Beschäftigten wie nie zuvor. Verkürzt gesprochen ist Kunst die Suche nach einem eigenen Zugang für die Deutung der Welt. Und genau das hat das Regie- und Autorenduo Jenke Nordalm und Kai Schubert nach einer einjährigen Recherche in der Leiharbeitsbranche mit ihrem Theaterstück "Zeit:Arbeit" geschafft: unser Verhältnis von Arbeit und Zeit und dessen Veränderung zu beleuchten.

Leiharbeit als Druckmittel für Arbeitnehmer
Für den Autor Kai Schubert begann der rasante Anstieg der Leiharbeit 2004 mit dem dritten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt: "Weil die damalige Bundesregierung im Zeitarbeiter den neuen, flexiblen Typ von Arbeitnehmer verkörpert sah, den die Wirtschaft 'erfordert'. Zeitarbeit als Paradigma für den Arbeitnehmer der Zukunft - der so flexibel wie möglich ist - und dabei mit sehr wenig Sicherheit auskommt." Und natürlich ist Zeitarbeit für Schubert ein geeignetes Mittel, die Stammbelegschaft unter Druck zu setzen.

Für die Theatermacher von "Zeit:Arbeit" gibt es eine Entwicklung hin zu zwei Klassen von Arbeitnehmern. Auf der einen Seite die mit einem "richtigen" Job, die sich dem Unternehmen selbstaufopfernd verschreiben, und jenen, bei denen es nicht vorgesehen ist, dass sie einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Unternehmens leisten. Diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte - weg vom Keynesianismus der fünfziger Jahre, wo gut verdienende Arbeitnehmer die Stütze der Volkswirtschaft bildeten, hin zu einer monetaristischen Wirtschaft, in der das Wohl des Unternehmens über allem steht - ist nicht nur in der Leiharbeitsbranche, sondern in sämtlichen Branchen zu finden.

Schauspiel regt zum Nachdenken an
Umso sehenswerter ist daher die Bühnenumsetzung in Ingolstadt, die ohne eine plumpe Schelte der Personaldienstleister auskommt und gerade die Beweggründe und Zwänge der Verleiher erlebbar macht. Dabei war es für die Regisseurin Jenke Nordalm nicht leicht, in den Recherchen brauchbare O-Töne als Material für die fünf Schauspieler herauszudestillieren. "Entweder ist es gar nicht erst zu einer Gesprächssituation gekommen, oder wir hatten Partner, die im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig sind und sich mit großer Leidenschaft für eine positive Darstellung ihrer Branche einsetzen. Die Rechercheergebnisse wurden von uns daher in einem größeren Kontext noch einmal hinterfragt und auf der Bühne konterkariert." Entstanden sind Figuren, denen man die moralischen Konflikte, den Optimierungswahn und die Angst, plötzlich seinen eigenen Arbeitsplatz wegzurationalisieren, anmerkt.

Dass Theater unmittelbar berührt und das Thema Zeitarbeit in einer Industriestadt wie Ingolstadt große Relevanz besitzt, zeigen die Reaktionen des Publikums. Für Jenke Nordalm ein gewichtiger Teil ihrer Arbeit: "Theater lebt von den Diskussionen, die es in Gang setzt." Gegen den Fernsehtrend, alle relevanten Themen kabarettistisch zu veralbern und damit kurzlebig zu machen, setzt das Stadttheater auf das Zugpferd "Doku-Theater", handwerklich von Schauspielern brillant umgesetzt und damit als wirklicher Denkanstoß gedacht, weil das Publikum seine eigenen Entscheidungen an der Stelle der scheiternden Helden auf der Bühne überprüfen kann.
 
Von Manuel Boecker