Paradies der Langfinger

In Unternehmen wird gnadenlos geklaut. Zwar wird der Schaden durch höhere Preise wieder wettgemacht. Davon lassen sich Langfinger aber nicht beirren. Längst sind Computer und Co. ihre Spießgesellen.

Eine Meldung ließ dieser Tage aufhorchen. Da wurde doch tatsächlich einer Kassiererin, die ihrer Arbeit über 31 Jahre ohne Fehl und Tadel nachging, wegen 1,30 Euro der Prozess gemacht. Nicht der Wert der in besagter Höhe bezifferten Wertmarken, die sie mitgehen ließ, veranlasste den Arbeitgeber, der Mitarbeiterin fristlos zu kündigen, sondern der mit der Tat verknüpfte Vertrauensverlust.

Arbeitnehmer verschaffen sich Informations-Vorteil
Der Aufschrei war groß, schließlich war die dreifache Mutter und zweifache Oma Gewerkschaftsmitglied und hatte sich gegen eine geplante Streichung von Schicht-Zulagen zur Wehr gesetzt. Aber darum geht es hier nicht. Kurios ist, dass ein Fall wie der hier geschilderte in krassem Gegensatz steht zur alltäglichen Praxis in der Wirtschaft. Es handelt sich nicht um Einzelfälle, vielmehr ist Diebstahl üblich geworden. Und es geht nicht um Kleckerbeträge von 1,30 Euro, sondern um unschätzbar hohe Folgekosten.

Als Folge der weltweiten Digitalisierung lassen Mitarbeiter immer öfter wichtige Daten mitgehen. Einer Untersuchung des amerikanischen Ponemon Institutes zufolge räumen drei von fünf aus Unternehmen ausgeschiedene Mitarbeiter ein, unerlaubt Daten entwendet zu haben. Zwei Drittel nutzen diese Informationen sogar, um sich gezielt Vorteile bei der Bewerbung auf einen neuen Job zu verschaffen.

Gravierende Folgen
Mitgehen lassen Ex-Mitarbeiter also nicht x-beliebigen Datenmüll, sondern samt und sonders Informationen von großer Brisanz. E-Mails werden vor dem Löschen schnell ausgedruckt, während umfangreiche Dokumente oder Datenbankauszüge kurzerhand auf einen USB-Stick umgeleitet oder auf eine DVD gebrannt werden. Von den befragten 945 Personen waren 37 Prozent entlassen worden, und 38 Prozent hatten inzwischen einen neuen Job gefunden. Andere waren einer erwartbaren Kündigungswelle zuvorgekommen und hatten sich erfolgreich woanders beworben.

Langfinger sind überall. Jeder fünfte ist in der IT-Abteilung beschäftigt, jeder vierte im Vertrieb und jeder zehnte in der Finanzbuchhaltung. Kein Unternehmensbereich bleibt vom Datenklau verschont. Und der kostet die Unternehmen ein Vermögen: Pro Schadensfall reichen die Schätzungen, die sich insgesamt auf gestohlene, verlorene und durch technische Defekte entgangene Daten beziehen, von 250.000 bis zu 6,75 Mio. Euro. Zu Buche schlägt nicht nur das Entdecken und Aufarbeiten des Schadens. Kunden wandern ab, der Umsatz sinkt. Um neue Kunden zu gewinnen, muss viel Geld ins Marketing gepumpt werden. Jemanden wegen 1,30 EUR zu verknacken, klingt da wie der blanke Hohn.
 
Von Josef Bierbrodt