Outsourcing - Erfolgsformel oder Illusion?

Bei der Auslagerung von Produktion oder Services ins Ausland ist vor allem der Faktor Produktivität entscheidend. Niedrigere Lohnkosten alleine reichen nicht aus, um im Ausland produzieren zu lassen. Wer an den Finanzmärkten erfolgreich spekuliert, kennt das Kürzel BRIC: Brasilien, Russland, Indien, China. Die Top-Staaten der so genannten Schwellenländer halten die übrige Welt nicht nur mit ihren Wirtschaftsdaten in Atem.

Sie dominieren auch den weltweiten Outsourcing-Markt. Firmen, die bei der Auslagerung von Unternehmensaufgaben nach Indien oder China nur auf den Preis achten, könnten allerdings eine böse Überraschung erleben.

Wer plant, die Produktion oder bestimmte Services ins Ausland auszulagern, sollte vor allem die Produktivität unter die Lupe nehmen. Allein wegen deutlich niedriger Lohnkosten in Korea oder der Ukraine produzieren zu lassen, erweist sich nicht selten als Rohrkrepierer. Verantwortliche plagt die Angst vor Know-how-Verlust und Qualitätseinbußen. Schließlich birgt die Kommunikation mit Lieferanten erhebliches Konfliktpotenzial, das die Produktivität beeinträchtigt. Beispiel: Outsourcing von IT. Vier von fünf Unternehmen beenden ihren Vertrag vorzeitig, heißt es in Studien. Viele holen die zuvor ausgelagerten Bereiche wieder zurück.

Irland zeigt, wie man es besser macht. Ende der 1990er Jahre errichteten dort viele internationale Firmen ihre Call-Center. Die irische Regierung half ihnen, Muttersprachler aus ganz Europa in die Boomregion von Dublin zu locken. Meldete sich ein Microsoft-Kunde aus Passau, erklärte ihm ein Deutscher, worauf zu achten ist. Diese Erfolgsstory nehmen sich vor allem indische Firmen zum Vorbild, die dort, wo ihre Kunden leben, Niederlassungen gründen, so auch in Deutschland.

Die Strategie: Man rekrutiert erfahrene und deutschsprachige Kräfte, die mit der Kultur und den Arbeitsprozessen in der deutschen und indischen Wirtschaft vertraut sind. Wie ein Scharnier sollen sie dafür sorgen, dass die Anforderungen der Kunden auch exakt in Indien umgesetzt werden, so lautet zumindest das Ziel. Der Ansatz scheint Erfolg zu versprechen. Bisher sind Firmen, die wichtige Aufgaben ins Ausland transferiert haben, mit hohen Reibungsverlusten bei der Verständigung konfrontiert. Gift für die Produktivität: So wird der Vorteil der niedrigen Lohnkosten aufgezehrt.

Werden Funktionsbereiche und Organisationseinheiten entkoppelt, dann oft zu Lasten von Kommunikation und Zusammenarbeit. Räumliche Nähe hingegen ist ein großer Vorteil: Bei der Verständigung von Angesicht zu Angesicht wird einfach mehr Substanz weitergegeben. Dennoch sind Inder oder Chinesen, die ihren Kunden schon in Deutschland die Stange halten, nicht unbedingt erste Wahl. Dafür sind die Kulturen einfach zu unterschiedlich. Inder interpretieren Verträge anders als Deutsche. Details übersehen sie; wichtiger ist ihnen die Harmonie mit dem Kunden. Zudem benötigen Inder klare Vorgaben, weil sie kaum in Zusammenhängen denken.

Noch ist es nicht so weit, dass Inder und Chinesen Europa mit ihren Services überschwemmen. Gut im Rennen liegen daher osteuropäische Outsourcing-Anbieter. Ihr Vorteil: Sie können auf hochqualifiziertes Personal zurückgreifen, das in deutschsprachigen Ländern bereits studiert oder gearbeitet hat und deshalb hervorragend deutsch spricht. Wie zum Beispiel die Slowakei. Nur einen Katzensprung ist Bratislava von Wien entfernt. Der Wermutstropfen: In den jungen EU-Staaten und Beitrittskandidaten ziehen die Personalkosten in atemberaubendem Tempo an.
 
Von Winfried Gertz