Outdoor-Trainings: Chancen und Grenzen

Segeln, Wandern, in Seilgärten turnen - Outdoor-Trainings sollen den Wohlfühlfaktor im Unternehmen steigern und die Teamfähigkeit der Mitarbeiter stärken. Doch Vorsicht: Viele Angebote klingen toll, bringen aber nichts.

Welche Führungskraft wünscht sich das nicht: Ein Team, das hoch motiviert an einem Strang zieht? Eine Mannschaft, die gemeinsam volle Kraft voraus rudert? Anbieter von Outdoor-Trainings malen genau diese Bilder und versprechen, mäßig motivierte Mitarbeiter-Horden in Hochleistungsteams zu verwandeln. In kürzester Zeit. Dass die Zahl der Anbieter dieses Methodenrepertoires seit zehn Jahren wächst, verwundert nicht. In Deutschlands schönsten Landschaften, sei es im Taunus oder im Schwarzwald, werden immer mehr Seilgärten in den Boden gestampft: nicht nur die Hochseilgärten mit ihren beindruckenden Klettermasten, sondern auch Anordnungen verschiedener Gruppen- und Geschicklichkeitsübungen auf Kniehöhe. Ihren Ursprung haben diese Erlebnisparcours in den USA, wo die Grundzüge vieler Übungen bereits in den 60er Jahren entwickelt wurden und mittlerweile als Klassiker des Erfahrungslernens gelten.

Konstruierte Abenteuersituationen können Gruppenprozesse auf einladende Weise verständlich machen, erklärt Ruth Kaiser, Erlebnispädagogin aus Tübingen. Kaiser kommt ins Spiel, wenn es in einem Team heißt: Wir sollen mit immer weniger Personal immer schneller mehr Vorgänge bearbeiten. Das machen wir nicht mit! Im Outdoor-Training stellt die Erlebnispädagogin dann zum Beispiel eine Übung zur Zeitoptimierung vor. Eine Übung mit wenigen Regeln, in der durch einfache Umorganisation von Abläufen die benötigte Zeit auf ein Zwanzigstel reduziert werden kann. In der anschließenden Reflexion diskutiert das Team den eingeschlagenen Lösungsweg. Dann geht es um den Transfer: Wie lassen sich die neuen Erfahrungen im Arbeitsalltag umsetzen? Wo hakte die Zusammenarbeit bisher und warum? Ist das Outdoor-Training erfolgreich, geht das Team mit konkreten Zielen zurück in den Job: Prozesse optimieren, offen kommunizieren, wieder mit Spaß arbeiten.

So sieht der Idealfall aus der aber ist selten. Teamentwicklung ist ein komplexes Gebiet, und der durchschnittliche Sicherheitstrainer auf dem Outdoor-Markt verfügt im besten Fall über rudimentäre Kenntnisse zur Evaluation und Veränderung von Teamdynamiken, weiß Carsten Hennig, der als Systemischer Berater in Franfurt/Main arbeitet und über jahrelange Erfahrung als Outdoor-Trainer verfügt. Das Problem: Gerade die Anbieter, die mehr von Kletterknoten als von Teamentwicklung verstehen, versprechen Wunder mit kostengünstigen Kurzprogrammen. Das kommt gut an: bei den Führungskräften, die sich unter Outdoor-Training nicht mehr vorstellen als einen halben Tag lang draußen aktiv zu sein und dabei das Wir-Gefühl zu stärken. Ein solcher Nachmittag ist so etwas wie ein Betriebsausflug; dass sich die Teamdynamik auf diese Weise nachhaltig verändern lässt, ist eine Fehlannahme, stellt Hennig klar. Wenn unangemessene Erwartungen weder erfüllt noch ins rechte Licht gerückt werden, gehen die Teilnehmer am Abend enttäuscht nach Hause - mit dem Eindruck: Outdoor-Trainings taugen nichts. Doch so pauschal stimmt das nicht.

Wer ein wirksames Teamtraining für seine Abteilung buchen will, sollte Hennig zufolge auf einer ausführlichen Bedarfsanalyse bestehen. Erst auf dieser Basis könne eingeschätzt werden, in wie weit die Outdoor-Methode überhaupt zielführend ist, und, wenn ja, welche Übungen wie eingesetzt werden sollen. Während des Trainings sollten die Teamentwickler flexibel auf Teamprozesse reagieren können. Seriöse Anbieter liefern nach dem Training einen Trainingsbericht und ermöglichen eine Nachbesprechung. Hier wird diskutiert, ob weitere Outdoor-Trainings sinnvoll sind, eine Teamsupervision, Einzelcoachings - oder ganz andere Folgemaßnahmen. Hennig: Die nachhaltige Implementierung von Teamentwicklungsprozessen bedarf stetiger Aufmerksamkeit.
 
Von Anne Jacoby