Opfer von Mobbing kann jeder werden

Wenn der Arbeitsplatz zum Schlachtfeld wird, ist schnelles Handeln überlebenswichtig. Reagiert man zu spät auf erste Symptome, ist eine Umkehrung des Mobbing-Prozesses kaum noch möglich.

Der erste Arbeitstag des neuen Abteilungsleiters wäre für seinen Stellvertreter, Martin Schmitt, fast der Anfang vom Ende gewesen. Der rund 15 Jahre jüngere neue Chef kommunizierte gerne per E-Mail, verbrachte viel Zeit in Meetings, geriet dafür bei Terminarbeiten in Verzug. Das Verhältnis zwischen Abteilungsleiter und Stellvertreter entwickelte sich zum Schlechten: Der neue Chef enthielt Schmitt wichtigen Infos vor, übergab ohne Absprache angestammte Projekte anderen und fing an gegenüber den Mitarbeitern subtil die Kompetenz des zweiten Mannes in Frage zu stellen. Folge: Statt wie früher üblich, wendeten sich die Mitarbeiter nicht mehr an Martin Schmitt, mehr noch: Sie fingen an, ihn zu meiden und auszugrenzen. Schmitt fing an unter den bekannten Mobbing-Symptome zu leiden: Schlaflosigkeit, leichte Depression, Gefühlsschwankungen zwischen Wutausbrüchen und Apathie - und häufige Fehler, die aus der wachsenden Unsicherheit entstanden.

Der Name ist fiktiv, der Fall ist echt und zeigt die Anfangsphase eines Mobbing-Prozesses. Laut einer Untersuchung von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind in einem Unternehmen von 100 Mitarbeitern durchschnittlich drei von Mobbing betroffen. Den Mobbing-Prozess unterteilen Experten in mehrere Phasen. Ein Opfer suchen, Schuld zuweisen, verdeckte Intrigen sind Merkmale der ersten, der systematische Psychoterror der zweiten Phase. Und das kann jeden treffen: "Ein typisches Mobbing-Opfer gibt es nicht", räumt Monika Heilmann, Coach und Wirtschaftsmediatorin, aus Stuttgart mit dem immer noch verbreiteten Vorurteil auf, dass Mobbingopfer vermeintlich mimosenhaft, und damit letztlich nicht unschuldig an ihrer Situation seien.

Allerdings gibt es Konstellationen, die Mobbing fördern. Dazu gehören Arbeitsplatzum- oder -Abbau, schlecht abgegrenzte Aufgabengebiete, Fusionen, niedrige Fluktuationsrate, Konflikt- und Entscheidungsscheue der Führungskraft und eben Sandwichpositionen, wie die eines Stellvertreters. Nicht alle Ungerechtigkeiten im Arbeitsleben fallen jedoch unter Mobbing. Kennzeichen ist vielmehr die systematische Ausgrenzung und Stigmatisierung einer Person über einen langen Zeitraum hinweg.

Deshalb gilt es schnell zu handeln. "Betroffene sollten auf jeden Fall auf ihr Bauchgefühl hören und frühzeitig Hilfe und Rat suchen, sobald sie sich nicht mehr Wohl in ihrer Haut fühlen, nachts wach liegen und über die Arbeit grübeln", empfiehlt Monika Heilmann. Denn: "Nur in den ersten beiden Phasen lässt sich ein Mobbingprozess noch umkehren", so die Expertin. Und: "Mindestens eine Person im Unternehmen muss auf der Seite des Mobbing-Opfers stehen", so Heilmann.

Hilfe sollte jedoch zunächst extern gesucht werden. Wer googelt, stößt schnell auf Angebote von Gewerkschaften, Kirchen und Mobbingberatern. In der Regel ist es nicht hilfreich, ohne externe Hilfe sofort den Vorgesetzten einzubeziehen. Laut einer Untersuchung von Professor Dieter Zapf, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Frankfurter Uni, finden über 70 Prozent der Mobbing-Fälle unter Mitwirkung von Vorgesetzten statt.

Auch vor gut gemeinten, aber schlecht vorbereiteten Gütegesprächen, die zum Beispiel der Betriebsrat vermittelt, warnt der Berliner Mobbing-Experten Axel Quandt. "Ein solches Gespräch zwischen Mobbing-Opfer und Täter setzt voraus, dass beide Seiten ehrlich sind. Ein Mobber wird seine Taten aber vermutlich nie zugeben, sondern unter Umständen versöhnlich auftreten, um danach umso schlimmer zu mobben." Denn: Mobber sind nicht auf konstruktive Lösungen aus, sondern haben gelernt, ihren Vorteil zu suchen, indem sie anderen schaden.

Deshalb braucht das Mobbing-Opfer Hilfe - in manchen Fällen hilft schon ein Experten-Buch, es kann aber auch ein Seminar oder ein Coaching sein. "In jedem Fall muss das Opfer zunächst seine Situation gründlich analysieren", so Quandt. "Damit befreien die Betroffenen sich aus dem Kreis-Denken und gewinnen neue Perspektiven und Selbstbewusstsein."

So gewappnet können die Betroffenen das offene Gespräch suchen. "Das sollte aber nicht als Gütetermin deklariert sein", sagt Quandt, "sondern quasi als ein Hier-ist-meine-Grenze-Gespräch, in dem der Betroffene klar macht, dass er sich das Vorgehen des Täters nicht weiter bieten lässt." So stoppt der Betroffene Mobbing, das in letzte Konsequenz häufig zu Arbeitsplatzwechsel, Frühpensionierung oder im schlimmsten Fall sogar zu Selbstmord führen kann.

Auch Martin Schmitt hat den Kampf aufgenommen und gewonnen. Nach einem mehrmonatigen Coaching-Prozess war sein Selbstvertrauen wieder gestärkt. Gestützt auf Rückhalt in der Geschäftsleitung, machte er seine Kompetenzen gegenüber dem neuen Abteilungsleiter klar. Er eroberte sich seine Projekte zurück und gewann wieder die Anerkennung der Kollegen.
 
Von Pia Weber