Online-Abstimmung: Kollegen sollen sich gegenseitig bewerten

Mitarbeitergespräche waren gestern. Fragwürdige Bewertungen und das Besprechen von Zielen gehören in einigen Unternehmen mittlerweile der Vergangenheit an. Vielmehr sind es nun die Kollegen, die sich gegenseitig bewerten sollen. So zum Beispiel bei der Frankfurter Videospielefirma Crytek. Hier findet dazu eine Online-Abstimmung statt. Jeder Mitarbeiter soll dann, ähnlich wie bei Hotelbewertungen, "Sterne" an seine Kollegen verteilen und bewerten, in wieweit jeder einzelne von ihnen zum Erfolg des Unternehmens beiträgt. 

"So kann niemand mehr sagen mein Chef sieht nicht, was ich wirklich leiste", erklärt Heiko Fischer, Miterfinder des Systems. Je mehr Sterne ein Mitarbeiter bei dieser Abstimmung erhält, desto mehr Gehalt springt dann für ihn heraus. Doch ganz neu ist die Idee nicht. In den vergangenen Jahren hat sich diese Bewertungsmethode schon bei vielen Unternehmen durchgesetzt, jedoch mit anonymen Feedback. "Das ist der 2.0-Stil: Offener, schneller und weniger hierarchisch", meint Professorin Heike Bruch von der Universität Sankt Gallen.

Besonders bei amerikanischen Unternehmen ist dieses Projekt sehr beliebt. Hier funktioniert die Bewertung vereinzelt sogar über das Smartphone. Ein großer Vorteil des Systems: Hält ein Mitarbeiter beispielsweise eine Präsentation, haben seine Kollegen in Echtzeit die Möglichkeit, ihn mit nur einem Knopfdruck dafür zu loben. Sonderbelohnungen gibt es bei dem Unternehmen Symantec. Die Mitarbeiter können sich dafür ebenfalls gegenseitig bewerten. Als Anreiz erhalten die Kollegen mit dem meisten Lob Gutscheine im Wert von 25 bis 1.000 Dollar.

Doch die Verantwortung der einzelnen Mitarbeiter steigt erheblich, wenn sie ihre Kollegen bewerten sollen, schließlich brauchen sie dafür auch die nötigen Informationen. Zwar hat sich die Idee, sich gegenseitig zu bewerten, mittlerweile zu einem regelrechten Trend entwickelt, dennoch birgt sie aus dieser Perspektive ein hohes Konfliktpotential untereinander.