Nur geliehen

Vom anhaltenden Konjunkturaufschwung profitiert auch die Zeitarbeit. Firmen können flexibel auf die Nachfrage reagieren, während temporär Beschäftigte sich nicht langfristig binden müssen. Begnügen müssen sie sich dafür mit einem deutlich geringeren Gehalt als ihre festangestellten Kollegen. Dies zu korrigieren ist längst überfällig.

Zumindest beim Kündigungsschutz sind Leihkräfte mit ihren festangestellten Kollegen gleichgestellt. Wer einen Vertrag mit einer Leiharbeitsfirma schließt, erhält auch dann seinen Lohn, wenn es zu keinem Arbeitseinsatz kommt. Anders verhält es sich beim Entgelt. Mit Abschlägen bis 30 Prozent klafft hier unverändert eine große Lücke zwischen Leiharbeitern und Stammbelegschaft. Trotz gesetzlicher Vorgabe wird "Equal Pay" einfach ausgehebelt. Vor allem die mit christlichen Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge stellen Zeitarbeiter schlechter. So ist die Höhe des Gehalts nicht an die Qualifikation gekoppelt. Bindend ist der Tarifbereich, in den der Mitarbeiter eingruppiert wurde. Zwar hat der Gesetzgeber 2003 die Verleihfirmen dazu verpflichtet, ihren Beschäftigten dasselbe Entgelt wie Stammbeschäftigten zu gewähren. Schließen die Verleiher aber einen Tarifvertrag mit Gewerkschaften, lässt das Gesetz "abweichende Regelungen" zu. Das Prinzip, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu zahlen, wird so außer Kraft gesetzt.

Ein Blick in die real existierenden Tarifverträge zeigt deutliche Gehaltsunterschiede. In unteren Tarifen eingruppierten Leiharbeitern stehen pro Stunde knapp 6 Euro Lohn zu, sofern die Verleihfirma zum Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister gehört, der mit der christlichen Gewerkschaft CGZP einen Tarifvertrag abgeschlossen hat. Mehr verdient, dessen Arbeitgeber Mitglied im Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) oder im Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA) ist. Diese Verbände haben sich tariflich mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund geeinigt. In der Tarifgruppe I gibt es immerhin 7,38 Euro die Stunde, also gut 20 Prozent mehr als bei der christlichen Konkurrenz. Zusätzlich erhält bis zu 7,5 Prozent Aufschlag, wer mehr als drei Monate ununterbrochen im selben Betrieb beschäftigt ist.

Dennoch bleiben die Einkommen unter dem Niveau von Festangestellten. Diese Behandlung "zweiter Klasse" ist in anderen Ländern längst Geschichte. In der Schweiz zum Beispiel wird nicht nur derselbe Lohn bezahlt, es gibt auch staatlich geregelte Mindestlöhne, auf die sich Politik und Wirtschaft in Deutschland noch nicht einigen können. Weitere festgelegte Standards in der Zeitarbeit sind der 13. Monatslohn, Anspruch auf bezahlte Feiertage und Weiterbildung. Mächtige Gewerkschaften machen Druck auf Zeitarbeitsfirmen und helfen temporär Beschäftigten auch, einen seriösen Arbeitgeber auszuwählen. Freilich geben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beim südlichen Anrainer allen Anlass, als Zeitarbeitsfirma modern und wirtschaftlich attraktiv aufzutreten. Schließlich herrscht Vollbeschäftigung, und viele Firmen sparen durch intensive Kooperation mit Verleihbetrieben erhebliche Kosten in der Personalverwaltung ein. Weil Zeitarbeitsunternehmen ihren Bedarf aus dem Arbeitskräfteangebot im eigenen Land nicht decken können, strecken sie ihre Fühler ins Ausland aus und locken auch Arbeitnehmer aus Deutschland mit attraktiven Gehalts- und Serviceangeboten nach Basel oder Bern. Sie besorgen alle erforderlichen Papiere und kümmern sich auch um eine vorübergehende Bleibe.

Schwarze Schafe sind diesseits wie jenseits der Grenze zu finden, keine Frage. Doch unter dem Strich ist die deutsche Zeitarbeitsbranche von der Dienstleistungsmentalität der Eidgenössischen Betriebe weit entfernt. Die "gewerbliche Arbeitnehmerüberlassung" scheint die längst überfällige Imagekorrektur schlicht verschlafen zu haben.
 
Von Winfried Gertz