Nur der halbe Chef?

Mehr Zeit für die Familie, ein besseres Verhältnis zwischen Job und Freizeit, fachliche Weiterbildung - Gründe, eine Teilzeitstelle anzunehmen, gibt es viele. Doch was ist mit Führungskräften, die ihre Stundenzahl verringern wollen? Funktioniert Chefsein auch nur drei Tage in der Woche?

Bauingenieur Markus Scholz (Name von der Redaktion geändert) ist von Montag bis Mittwoch Projektleiter in einer Essener Unternehmensberatung. Von Donnerstag bis Sonntag ist er ausschließlich Vater und kümmert sich um seine beiden Töchter Anna und Lena, zwei und vier Jahre alt. Seit September vergangenen Jahres hat Scholz seine wöchentliche Arbeitszeit offiziell von 40 auf 24 Stunden reduziert. De facto arbeitet er zwar immer noch 30 bis 35 Stunden, "aber das ist besser als die 50 Stunden, die ich vorher meist im Büro verbracht habe", so der 34-jährige. Gegenüber seiner Familie habe er wegen des hohen Arbeitspensums ständig ein schlechtes Gewissen gehabt und sich daher im Rahmen der Elternzeit für die Teilzeitregelung entschieden. Bis Mitte 2008 ist er nun im Büro der Drei-Tage-Chef.

Leicht hat man es Markus Scholz nicht gemacht: "Meine Vorgesetzten wollten mir die Teilzeit ausreden", berichtet der Bauingenieur. "Dies sei nicht vereinbar mit der Dienstleistung, die wir anbieten, so ihr Argument." Dass es doch funktionieren kann, hat der Projektleiter in den vergangenen Monaten bewiesen: "Die wichtigsten Aufgaben erledige ich am Anfang der Woche. Jeden Mittwoch stimme ich mich dann mit meinen Mitarbeitern darüber ab, was noch bearbeitet werden muss. Alles wird in To-do-Listen festgehalten, damit jeder weiß, was er zu tun hat." Während der Tage, die er nicht im Büro ist, ist Markus Scholz permanent telefonisch erreichbar, und jeden Abend checkt er seine E-Mails. "Anfangs haben meine Kollegen öfter angerufen, heute beschränkt es sich meist auf ein Telefonat am Tag."

Bedenken, dass das Modell nicht funktionieren würde, hatte sein Team nicht. "Die meisten meiner Kollegen und Mitarbeiter haben mich zu dem Entschluss beglückwünscht - und manche vielleicht auch ein wenig beneidet", so der Projektleiter. Die Führungsebene sehe seine Teilzeit hingegen als Karrierebremse - eine Ansicht, die Markus Scholz nicht zu teilen vermag: "Einerseits bin ich weiter voll im Geschäft, auch wenn ich bestimmte Aufgaben aus Zeitgründen derzeit nicht übernehmen kann. Anderseits bin ich der Überzeugung, dass ich mir während der Elternzeit Fähigkeiten aneigne, die mir später für meinen Job sehr nützlich sein werden, wie etwa Organisationsgeschick oder das flexible Reagieren auf unberechenbare Situationen." Dass seine Chefs ihn nicht in seiner Entscheidung unterstützen, findet Markus Scholz sehr schade: "Offensichtlich erfordert dieses Arbeitsmodell in mittelständischen Unternehmen ein Umdenken, zu dem viele noch nicht bereit sind."

Größere Unternehmen stehen der Teilzeitarbeit für Chefs in der Regel aufgeschlossener gegenüber. So zum Beispiel Hewlett Packard (HP) aus Böblingen, die prinzipiell auch Führungskräften die Möglichkeit bieten, ihre Stundenzahl zu reduzieren - auch wenn dies von den leitenden Angestellten so gut wie nie nachgefragt wird. "Bei vielen Führungsaufgaben mit Personalverantwortung sind Flexibilität und Umfang der Arbeit mit einem reduzierten Stundenvertrag schwierig vereinbar", nennt Ernst Reichart, Geschäftsführer Personal- und Sozialwesen, einen Grund für das geringe Interesse. "Wenn man den Job in Teilzeit bearbeitet, kann es schnell zu Überlastung kommen."

Wer dennoch mit dem Gedanken spielt, eine Teilzeitstelle anzunehmen, sollte "vorher ganz realistisch und nüchtern die Anforderungen des Jobs prüfen und sie gegen die eigene, mögliche Flexibilität abgleichen", so Reichart. "Je konkreter die eigenen Vorstellungen und deren mögliche Umsetzung sind, desto besser können beide Seiten die Machbarkeit prüfen." Bei Hewlett-Packard in Frankreich gibt es schon gute Erfahrungen mit Job-Sharing: Dort teilen sich zum Beispiel zwei Frauen schon seit einigen Jahren eine Führungsposition. Ohne Mitarbeiterverantwortung gestaltet sich die Sache ebenfalls einfacher: "Bei HP in Deutschland gibt es einige Manager in Teilzeit, die keine direkt unterstellten Mitarbeiter, aber hohe fachliche Verantwortung haben", berichtet Reichart. "Jeder Fall muss letztlich konkret daraufhin geprüft werden, was tatsächlich umsetzbar ist."
 
Von Sabine Olschner