Nur Mut

Alles war gut geplant und durchdacht. Es sollte eine ganz große Sache werden. Das Fernsehteam hat eine Kamera versteckt und einen Statisten in mäßig gepflegter Kleidung angewiesen, sich regungslos auf den Gehsteig zu legen.

Keiner der vorbeigehenden Passanten ist stehen geblieben und hat sich um den scheinbar verletzten Mann gekümmert. Auf die Frage des Fernsehteams, warum sie nicht stehen geblieben sind, um zu helfen, antworteten so gut wie alle Befragten: "Ich habe nichts getan, denn die Angst ist viel zu groß etwas falsch zu machen."

Szenenwechsel
Meine Tochter kam mit einer sehr schlechten Note nach Hause. Als ich den Test kontrollierte, stellte ich fest, dass die meisten Fragen erst gar nicht beantwortet wurden, nicht einmal falsch. Auch hier dieselbe Antwort. Sie hatte zuviel Angst etwas Falsches zu schreiben, also hat sie sich dafür entschieden, die Zeilen frei zu lassen und somit die Chance vertan einen Zufallstreffer zu landen.

Szenenwechsel
Ich hatte das Vergnügen an einem Seminar teilzunehmen, in dem ich bald merkte, dass ich der Thematik kaum folgen konnte, da mir die meisten Fachbegriffe völlig unbekannt waren. Am Ende des Tages fragte der Referent, ob noch jemand Fragen hätte. Keine Meldung. Ich verhielt mich souverän teilnahmslos, denn um mich herum saßen alles Leute vom Fach und mir war das Risiko einfach zu groß, mich zu blamieren. Als ich den Raum verließ, zupfte mich eine andere Teilnehmerin am Ärmel und fragte mich im Flüsterton, ob ich Ihr doch bitte den Inhalt des Seminars erklären könnte, ganz kurz nur. Sie hat sich also auch nicht getraut zu fragen.

Das "Bloß nix falsch machen!"-Syndrom greift um sich
Tolle Ideen, erste Hilfe, ehrliche Antworten und beherzte Versuche werden immer seltener in die Tat umgesetzt, denn ein Versagen wird in unserer Gesellschaft gnadenlos verurteilt. Wer sich trotzdem noch traut und scheitert, riskiert kritisiert und lächerlich gemacht zu werden, manchmal sogar seinen Job zu verlieren.
Ich wünsche mir, dass der Versuch mehr geschätzt wird als das Ergebnis.
Das letzte Wort überlasse ich Henry Ford: "Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge."
 
Von Adriane Böhm